Ein Engel, ein Kreuz und vier Worte: „In hoc signo vinces“. Seltsame Träume hat jede*r. Manche verschlägt es zurück in das Klassenzimmer der 10e, andere gehen auf Traumsafari mit Joe Exotic. Aber was, wenn nicht nur die Träume selbst, sondern auch ihre Träumer*innen außergewöhnlich sind? Wir blicken auf eine Traumgeschichte der Antike. Auf Konstantin den Großen – einen römischen Kaiser, der Schlachten schlägt, Grenzen zieht und ganz nebenbei eine Weltreligion begründet. Alles wegen eines nächtlichen Traums.

Kein anderer Traum prägte die Geschichte Europas so nachhaltig wie derjenige Konstantins des Großen. Am Abend des 27. Oktober 312 bereitet Konstantin sich auf die entscheidende Schlacht gegen seinen Kaiserrivalen Maxentius vor. Das Römische Reich  befindet sich in einem Jahrzehnt des politischen Tumults. Eine Reihe von Kaisern und solchen, die es werden wollen, ringen im Westreich um die Macht. Darunter Maxentius, der Rom hält, und sein Schwager Konstantin. Im Herbst 312 marschiert Letzterer mit seiner Armee auf Rom, um die Frage nach dem kaiserlichen Purpur zu klären. Die antike Stadt ist das Herz des Kaiserreichs. Beide wissen: Wer Rom hält, hält auch die Krone. Maxentius begegnet Konstantin mit seinem Heer nördlich der Stadtmauern, an der Milvischen Brücke. Diese führt über den Tiber und verbindet die nördlichen Außenbezirke mit dem Zentrum der antiken Metropole. Damals wichtiger Knotenpunkt für den Handel, ist sie heute historisch umrahmt vom Lieferservice Ponto Milvio im Süden (hier lagerte wohl Maxentius) und einer McDonald‘s-Filiale im Norden (hier lagerte Konstantin). Beide Gastbetriebe, davon ist auszugehen, waren 312 A.D. nicht geöffnet.

„In hoc signo vinces“

Das Heer in der Unterzahl und von der Reise erschöpft, schlägt Konstantin sein Lager auf und legt sich am Vorabend der Schlacht zur Ruhe. Im bald-kaiserlichen Zelt, so berichtet sein Berater Lactantius, wird er in der Nacht von einem Engel in weißem Gewand heimgesucht. Der hält ein glühendes, goldenes Kruzifix, darunter erscheinen die Worte „In hoc signo vinces“, „In diesem Zeichen wirst du siegen“. Der friedlich schlummernde Konstantin und sein mäßig interessierter Diener, wie sie auf zahlreichen Renaissancegemälden zu sehen sind, entspringen dabei allerdings den Ideen fantasiereicher Maler ein Jahrtausend später. Dennoch weisen sie auf eine wichtige Annahme hin. In den frühen Überlieferungen steht fest: Konstantin allein sah den Engel.

Der schlafende Konstantin in Piero della Francescas Darstellung (ca. 1455). © Wikimedia Commons/Public Domain

Göttliche Träume, die Airpods der Antike

Dem angehenden Kaiser dürfte diese Darstellung aber nicht gefallen haben. Göttliche Trauminterventionen waren die Airpods der römischen Kaiserelite: Durchaus ein Statussymbol, aber bei zweiter Betrachtung viel üblicher als erhofft. Von Augustus über Nero bis Diokletian – jeder römische Kaiser, der etwas auf sich hielt, hatte auch eine Geschichte göttlicher Intervention vorzuweisen. Mal, um mit Mars einen besonders teuren Feldzug zu rechtfertigen, und mal, um zu zeigen: Meine Herrschaft ist von Jupiter gewollt. Für ein Alleinstellungsmerkmal braucht Konstantin mehr. Der christliche Historiker Eusebius, langjähriger Begleiter und selbsternannter Biograph Konstantins, legt deshalb in späteren Schriften an Pathos zu. Er will von Konstantin selbst gehört haben, wie das goldene Kreuz nicht nur in dessen Schlaf, sondern bei hellem Tageslicht vor den Augen der gesamten Armee am Himmel erschien. So schreibt Eusebius:

„Mit eigenen Augen sah er ein Kreuz aus Licht am Himmel, über der Sonne. Es trug die Inschrift In diesem Zeichen wirst du siegen. Im Anblick dessen war er selbst von Ehrfurcht ergriffen, wie auch seine Armee, die ihm folgte, und das Wunder ebenfalls bezeugte.“

Eigentlich, so urteilen historische Fachzeitschriften, schreibt Eusebius im griechischen Originaltext aber: „ἐν τούτῳ νίκα“, also „Durch dieses (Zeichen) siege“. Die lateinische Futurform „vinces“, „wirst du siegen“, wie sie später auf Münzen und Gemälden zu finden ist, sei streng genommen falsch übersetzt, sie habe sich aber dennoch durchgesetzt. Überliefert sind die von Eusebius versprochenen Zeugenberichte der Soldaten jedenfalls nicht. Und auch sonst ist die Quellenlage zur Schlacht selbst dürftig. Vision hin oder her, kann man aber doch vermuten, dass es im besten Interesse der anwesenden Soldaten war, Eusebius‘ Version der Geschichte zu bestätigen. Sieht der eigene Kaiser ein göttliches Zeichen samt Schriftzug am Himmel, dann ist am Himmel ein göttliches Zeichen zu sehen.

Fest steht, egal welcher Version der Geschichte man Glauben schenkt: Am Morgen der Schlacht lässt Konstantin in aller Eile das Christusmonogramm auf den Schilden seiner Soldaten anbringen, zieht in die Schlacht – und siegt eindeutig. Maxentius wird mit seiner ehemals-kaiserlichen Garde zurück an den Tiber gedrängt, stürzt vom Pferd und ertrinkt.

Auf Raffaels Darstellung sind Engel, Kreuz und griechische Inschrift gut zu erkennen. © Wikimedia Commons/Public Domain

Das unpopuläre Christentum als Traumautorität

Kein anderer Traum wird von Historiker*innen damals wie heute so umstritten diskutiert wie Konstantins Bekehrung zum Christentum: Ein wahres Ereignis, geplanter PR-Stunt oder vielleicht nur das Konstrukt fantasiereicher römischer Autoren? Paul Freedman, Historiker in Yale, gibt in einem Vortrag Folgendes zu bedenken: Dass Konstantin sich die öffentliche Meinung des römischen Volks oft berechnend und bewusst zunutze machte, sei kein Geheimnis. Gerade deshalb, meint Freedman, sei Konstantins Traum aber so spannend. Für die Authentizität der Erzählung sei nicht entscheidend, dass Konstantin einen göttlichen Traum gehabt habe, sondern, von wem er träumte. Denn im Gegensatz zu Nero, der sich auf etablierte römische Götter berief, habe Konstantin durch seine Vision nichts zu gewinnen gehabt. Im Gegenteil. Das frühchristliche Dogma, geprägt durch Jahrhunderte römischer Verfolgung, ist im Rom des dritten Jahrhunderts weder populär noch verbreitet. Es ist äußerst pazifistisch und wird von zahlreichen Quellen der römischen Geschichtsschreibung gar als subversiv und gefährlich wahrgenommen. Der Konsens: Das frühe Christentum steht in direktem Widerspruch zur militaristisch und disziplinär geprägten römischen Gesellschaft.

Dennoch bekennt sich Konstantin, ehemals Anhänger des Sonnengottes Sol Invictus, in dieser entscheidenden Schlacht zum unwahrscheinlichsten aller Götter, dem christlichen. Und während die Aufrichtigkeit seines Wandels heute Thema hitziger akademischer Debatten ist, kann man das Ausmaß der Folgen nicht abstreiten. In den ersten Jahren seiner Herrschaft legalisiert er das Christentum, erhebt eine Reihe von Kirchenbeamten in politische Ämter und gesteht der Kirche großzügige Steuererlässe zu. Später baut er sogar Kirchen und zieht gegen seine paganen Mitkaiser im Osten in den Krieg. Während die Christen noch unter Konstantins Vorkaiser Diokletian zu einer verfolgten Minderheit gehörten, entwickelten sie sich nun zur bestimmenden Kraft im römischen Reich. In Zahlen: Historiker*innen schätzen, dass zum Tod Konstantins im Jahr 337 etwa die Hälfte aller römischer Staatsbürger Christen waren. Fünfzig Jahre später steigt die Zahl auf neunzig Prozent. Ob Konstantin selbst an den Gott der Christen glaubte, lässt sich allerdings nicht mit Gewissheit sagen. Genauso wenig, ob er sich der Tragkraft seiner Entscheidung bewusst war. Sicher konnte er nicht ahnen, geschweige denn wissen, dass er Patron einer aufstrebenden Weltreligion war, die den europäischen Kontinent für die nächsten zwei Jahrtausende mit ihren Taten und Untaten prägen würde. Aber vielleicht hat er zumindest davon geträumt.

Titelbild: © Wikimedia Commons/Public Domain

 

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2 Kommentare
  1. Franziska Frank
    Franziska Frank sagte:

    Eine faszinierende historische Perspektive, was Träume „bewirken“ können. Die Tragweite muss man sich mal bewusst machen, wow.

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  2. Runa Marold
    Runa Marold sagte:

    Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Entscheidungen einzelner Individuen den Verlauf der Geschichte so beeinflussen können. Und die meisten wissen es vermutlich nicht einmal.

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