Morgens ein paar Beeren ins Müsli, mittags frische Tomaten und abends eine Gurkenscheibe im Gin-Tonic? Oma hatte alles im Einmachglas, heute wird dank moderner Bewässerungstechnik selbst auf Steppenböden gepflanzt. Frisches Obst und Gemüse sind nicht mehr nur im Sommer Normalität. Wie genau geht das – und wie lange noch gut?

Die Weltbevölkerung wächst und wächst – zu den knapp acht Milliarden Menschen kommen täglich im Schnitt 250.000 hinzu. Jede Menge hungrige Mäuler, die es zu stopfen gilt. Parallel dazu entwickelt sich eine globale Mittelschicht, für die eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung mit frischen Zutaten selbstverständlich ist. Noch dazu wächst der Fleischkonsum dieser Schicht beständig an, so dass enormer Bedarf an Weideflächen und Futtermitteln entsteht. Die globale Landwirtschaft muss perspektivisch also sowohl mehr als auch anspruchsvoller produzieren.

Ein Problem dabei: Die EU schätzt, dass weltweit pro Minute 23 Hektar Land unfruchtbar werden. Jährlich entspricht das dem Verlust der Fläche von Hessen, Baden-Württemberg und Bayern zusammen. Eine Antwort auf diese enormen Herausforderungen ist es, eigentlich wenig fruchtbare Böden durch Bewässerung nutzbar für die intensive Landwirtschaft zu machen. Paradoxerweise ist aber an vielen Orten gerade die Nutzung von Bewässerungssystemen ein Grund für die Verschlechterung der Bodenqualität. Werfen wir einen Blick auf die Möglichkeiten und Risiken moderner Bewässerungslandwirtschaft.

Tote Böden fruchtbar machen: Menschliche Gestaltungsmacht

Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung funktioniert in Mitteleuropa nur, weil das warme Klima in anderen Regionen ganzjährig den Anbau von Gemüse, Obst und Futtermitteln erlaubt. Doch in Regionen, in denen es ganzjährig warm ist, ist es häufig auch ziemlich trocken. Mit modernster Bewässerungstechnik gelingt es dennoch, Ackerbau zu betreiben, wo auf natürlichem Wege nichts wächst (das Titelbild zeigt beispielsweise Weizenanbauflächen in der saudischen Wüste).

Früher: Ein Bauer nutzt einen Ziehbrunnen, um Wasser auf ein Feld zu heben ©wikimedia commons

Viele Steppen und Halbwüsten, die früher Weideflächen für die kleinen Herden von Nomadenvölkern waren, hat der Mensch im letzten Jahrhundert für intensiven Ackerbau nutzbar gemacht. Dafür müssen immer zwei Aufgaben bewältigt werden: Erstens muss Wasser aufgetrieben und zweitens auf den Feldern verteilt werden. Um die Versorgung mit Wasser zu ermöglichen, wurden und werden auf der ganzen Welt ingenieurstechnische Meisterleistungen vollbracht. Mit Staudämmen und Kanälen lässt sich Wasser heute über weite Strecken umverteilen. Staudämme speichern unregelmäßige Regenfälle und regulieren die Nutzung der Reserven in Trockenzeiten. Und wenn es nie regnet und keine Flüsse in der Nähe sind? Zapft man eben Grundwasser an, das seit Jahrmillionen in der Tiefe schlummert.

Heute: eine moderne Beregnungsanlage ©United States Department of Agriculture

Begrenzte Ressourcen: Menschliche Ohnmacht

Ist das Wasser vor Ort verfügbar, muss es also ‚nur noch‘ richtig auf die Felder. Gerade dieser Schritt verursacht aber an vielen Orten eine Versalzung der Böden. Aus Kostengründen werden nämlich meist Verfahren genutzt, die das Wasser viel zu ineffizient einsetzen. Veraltete Bewässerungstechnik, etwa Überflutungs- oder Beregnungsbewässerung, bringt viel mehr Wasser auf die Böden als die Pflanzen eigentlich bräuchten. Wenn die Bauern aber zu viel Wasser verwenden, steigt der Grundwasserspiegel an. Infolgedessen erhöht sich die Verdunstung von Tiefenwasser, das durch die Böden nach oben steigt und dabei gelöste Salze transportiert. Das Wasser verdunstet an der Oberfläche, die Salze bleiben zurück. Zusätzlich lagern sich auch die Salze aus dem zugeführten Wasser ab. Auf Dauer führt dieser Prozess dazu, dass die oberen Bodenschichten immer salziger werden. Und ist die Erde erst versalzen, ist ein Feld langfristig unfruchtbar.

Dazu kommt noch: Das Wasser, das für die Landwirtschaft verwendet wird, steht für nichts anderes zur Verfügung. Da Bewässerung aber gerade in ohnehin wasserarmen Regionen bedeutend ist, führt sie oft zu gravierenden Nutzungskonflikten zwischen Stadt und Land.

Neue Techniken, alte Probleme

All diese Probleme sind freilich keine Erkenntnis der Neuzeit. Laut Daniel Rothenburg, der an der Universität Tübingen zu den Folgen von Bodenversalzung promoviert, handelt es sich um „eins der ältesten Umweltprobleme, das es überhaupt gibt“. Lediglich das Ausmaß und die Tragweite sind heute weitreichender als vor 4.000 Jahren. Im Murray-Darling-Becken, das der Historiker erforscht, produzieren Bauern derzeit knapp vierzig Prozent der australischen Agrarerzeugnisse. Ineffiziente Bewässerungstechnik und übermäßige Wasserentnahme bringen dort aber inzwischen sowohl Öko- als auch Sozialgefüge ins Wanken. Versalzung von Böden, Dürren und Verteilungskonflikte ums Wasser könnten hier auf absehbare Zeit das Ende der Bewässerungslandschaft bedeuten.

Auch an vielen anderen Orten verursacht schlechte Bewässerungstechnik große ökologische und ökonomische Probleme. Im Central Valley, dem größten Gemüseanbaugebiet der USA, versalzen tausende Quadratkilometer Land – die Halbwüste wird dort zur Wüste. Der Aralsee, einst der viertgrößte See der Welt, ist inzwischen eine der größten menschengemachten Umweltkatastrophen, nachdem seine Zuflüsse zur Bewässerung von Baumwollplantagen mitten in der kasachischen Steppe genutzt wurde. Nicht alles, was grünt, ist nachhaltig.

Alte Probleme, neue Techniken

Retro: Omas Einmachglas ©congerdesign auf pixabay

Bedeutet das, dass wir in naher Zukunft wieder ganz altmodisch jeden Herbst zum Einmachglas greifen müssen, um im Winter Vitamine zu haben? Vermutlich nicht – der Mensch ist ja zum Glück lernfähig. Rothenburg betont: „Die Situation ist schlecht, aber nicht hoffnungslos.“ Moderne Tröpfchenbewässerung nutzt das Wasser hocheffizient und verringert sowohl Versalzungsgefahr als auch Wasserentnahme drastisch. Leider sind diese Techniken auch um einiges teurer als die alten, mangelhaften Systeme. Unser Obst und Gemüse werden also vermutlich nicht einfach so von unserem Speiseplan verschwinden – aber vielleicht deutlich teurer. Von daher wäre es vielleicht doch keine schlechte Idee, im Herbst mal wieder Omas Einmachgläser rauszuholen – den Geldbeutel freut’s.

 

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Titelbild ©NASA

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7 Kommentare
  1. Nicole Geier
    Nicole Geier sagte:

    Unsere alltäglichen Luxusgüter sind uns oft als solche gar nicht bewusst. Schön, dass dein Beitrag am Ende dennoch Hoffnung macht.

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  2. Natalie Adler
    Natalie Adler sagte:

    Ein sehr spannender und vor allem lehrreicher Artikel – mir war z.B. durchaus nicht bewusst, wie viele Flächen eigentlich tatsächlich genutzt werden können oder dass die Bewässerungstechniken leider teilweise echt ineffizient sind. Dann wohl wirklich wieder zurück ans Einmachglas.

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  3. Diana Bossert
    Diana Bossert sagte:

    Ich denke, ich ruf mal schnell Oma an und frage tatsächlich nach Einmachgläser… Super spannender Beitrag! 🙂

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  4. Anna Elsaesser
    Anna Elsaesser sagte:

    Sehr interessanter Beitrag. Die Kluft zwischen abwechslungsreicher Ernährung und Naturschutz scheint immer stäker auseinander zu driften. Schön, dass gerade deshalb so viel dazu geforscht und hoffentlich zukunftsfähig entwickelt wird!

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  5. Sylvia Gatzka
    Sylvia Gatzka sagte:

    Ein weiterer Grund auf saisonales Obst und Gemüse aufmerksam zu werden. Danke für den informativen Beitrag und die tröstenden Zukunftsaussichten 🙂

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  6. Tong Zhao
    Tong Zhao sagte:

    Interessanter Beitrag! Nachdem man schon die Böden zerstört haben, versucht man endlich, die Bewässerungstechnik zu verbessern.
    Saisonales Obst und Gemüse zu essen ist gar keine schlechte Wahl!

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