Die grüne Welle startete in Argentinien und ist mittlerweile auf ganz Hispanoamerika übergeschwappt. In den letzten Jahren entwickelte sich das grüne Tuch für viele feministische Bewegungen der Region zu einem wichtigen Symbol.

Hunderte grüne Tücher. Schritte sind zu hören. Es gibt Tumult auf den Straßen. Man hört den Klang von Trommeln und Trompeten. Chöre von Frauen fordern lautstark Gleichberechtigung und die Achtung ihrer Rechte. Auch Männer begleiten sie, die sich der grünen Welle angeschlossen haben. In der Menschenmenge gibt es Freude, Gesang und Tanz. LGBTQIA+-Aktivist*innen haben sich der Gruppe ebenfalls angeschlossen. Die Versammlung ist friedlich. Grüne Tücher sind um Handgelenke, Taschen oder Hälse gebunden. Die Farbe Grün ist nicht nur in diesen symbolträchtigen Tüchern präsent: Es gibt auch riesige grüne Decken, grüne Transparente, Frauen sind grün geschminkt und haben ihre Nägel grün lackiert. Die Polizei überwacht die Demonstrationen und scheint häufig ihre Macht demonstrieren zu wollen. Aber die grüne Welle lässt sich nicht einschüchtern. Jeder Marsch findet ohne Pause statt. Die Frauen sind entschlossen, bis zum Ende durchzuhalten. So oder so ähnlich trugen sich feministische Demos der grünen Welle in verschiedenen Ländern Lateinamerikas zu.

Die grüne Welle in Argentinien © Rolando Andrade

„Legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ – Der Ursprung der grünen Welle in Lateinamerika

Bereits seit einigen Jahren gibt es in Argentinien den Trend, zum Protest grüne Tücher zu tragen. Sichere und kostenfreie Abtreibung, Sexualerziehung in der Schule und Zugang zu Verhütungsmitteln sind Forderungen der Demonstrationen. An erster Stelle steht aber der Wunsch, dass die Menschenrechte der Frauen geschützt werden. Tausende Frauen im Land tragen dieses grüne „Accessoire“ als Symbol einer feministischen Weltanschauung mit historischen Spuren. Das Tuch ist aber nicht plötzlich aufgetaucht, sondern war schon Teil eines Kampfes, den die ältere Generation vor langer Zeit, während der Militärdiktatur Ende der 1970er-Jahre, begonnen hatte.

„Seit Jahrzehnten debattieren Feministinnen die Frage der Abtreibung und die Folgen, deren gegenwärtigen rechtlichen Status für das Leben und die Gesundheit von Frauen.“ So steht es in der Beschreibung der „Nationalen Kampagne für das Recht auf legalen, sicheren und freien Schwangerschaftsabbruch“ (Campaña Nacional por el Derecho al Aborto Legal Seguro y Gratuito). Dieses landesweite Bündnis spielt eine essentielle Rolle für den feministischen Kampf in Argentinien.

Die Kampagne hatte ihren Ursprung im 18. Nationalen Frauentreffen, das 2003 in der Stadt Rosario, Argentinien, stattfand. Im nächsten Jahr wurde auf dem 19. Nationalen Frauentreffen in Mendoza zunächst ein viermonatiges Projekt dazu geplant. 2005 entwickelt sich die Kampagne dann offiziell zu einer großen Emanzipationsbewegung und feiert am 28. Mai 2020 ihr fünfzehnjähriges Jubiläum – weiterhin unter dem Motto: „Sexualerziehung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben.“

Nicht genügend lila Tücher

Warum die Tücher nicht violett, sondern grün sind, lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. Einige Artikel datieren den Ursprung bis ins Jahr 2003 zurück. Bei der Zusammenkunft im Rahmen der Kampagne im Jahr 2003 in der Stadt Rosario habe es damals nicht genügend Tücher in Lila gegeben, der ursprünglichen Farbe des internationalen Kampfes für Feminismus. Stattdessen entschieden sich die Frauen dieser Gruppe, sie durch Grün zu ersetzen, eine Farbe, die Leben, Gesundheit und Hoffnung symbolisiert – Kernpunkte bei der Eroberung des Rechts auf Entscheidungsfreiheit.

Die feministische Journalistin Laura Salomé Contreras ist verantwortlich für den Bereich Kommunikation und soziale Netzwerke der „Nationalen Kampagne für das Recht auf legalen, sicheren und freien Schwangerschaftsabbruch“. Im Gespräch mit Grünzeug erläutert sie Details über die Rolle, die die Kampagne in der grünen Welle spielt: „Die Kampagne ist eine bundesweite und vielseitige Aktion, die das Ziel hat, Abtreibung in Argentinien zu legalisieren und zwar durch einen Entwurf für eine Gesetzesänderung, welche wir dem Nationalkongress zur Debatte und Abstimmung bereits neunmal vorgelegt haben, das erste Mal 2007 und das letzte Mal im vergangenen Jahr 2019.“

Die Journalistin Laura Salomé Contreras (links) umarmt eine ihrer ihrer Kampagnen-Mitstreiterinnen während einer Demonstration der Grünen Welle in Argentinien © Luisina Aussel

Das 1921 verabschiedete und aktuell gültige Gesetz in einer Gesellschaft, die von Femiziden und ständiger Gewalt gegen Frauen geprägt ist, erlaubt Abtreibung nur in Fällen von Vergewaltigung oder wenn ein Gesundheitsrisiko für werdende Mütter besteht.

Auch die Aktivistin Agustina Vidales sagt gegenüber Grünzeug über die Kampagne: „Während der gesamten Zeit hat die Kampagne Unterstützung und Argumente für Schwangerschaftsabbrüche geliefert. Sie besteht aus 700 Organisationen, wie z.B. auch feministischen Kollektiven, Menschenrechtsorganisationen und politischen Parteien.“

„Das Tuch ist ein Passwort mit einer klaren Botschaft: Wir sind nicht allein“

Die Pibas, wie die jungen Frauen in Argentinien genannt werden, binden sich das grüne Tuch an ihren Rucksack, so dass es gesehen werden kann, wenn sie auf der Straße sind, wenn sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen; egal, wohin sie gehen, ihr Weg führt in Richtung Freiheit.

„Es ist kein Symbol der Zerbrechlichkeit, sondern ganz im Gegenteil… Die Piba trägt ein Tuch, das nicht dazu da ist, ihre Tränen wegzuwischen, auch nicht, um ihre Nase aufgrund einer Erkältung zu schnäuzen, und auch nicht, um winkend damit Hilfe zu erbitten… Jedes Mal, wenn das grüne Tuch einer Frau zu sehen ist, egal, ob auf der Straße, in der U-Bahn, im Bus, im Zug, in der Nachbarschaft oder bei der Arbeit, schlägt es ein wie ein Blitz. Sein Erscheinungsbild erzeugt eine Atmosphäre des Vertrauens. Es ist ein Passwort mit einer klaren Botschaft: Wir sind nicht allein“, schreibt María Florencia Alcaráz, Journalistin, Co-Leiterin und eine der Gründerinnen des feministischen Nachrichtenportals LatFem, in ihrem Buch ¡Que sea ley! (dt.: Lass es Gesetz sein!), welches 2018 veröffentlicht wurde.

Das grüne Tuch © Angélica C. Aguilar

Alcaráz sagt in ihrem Buch, dass diese grüne Revolution ablehnt, was der Staat ihnen vorgibt und eine Demokratie nicht tolerieren kann, die Frauen mitunter in Risikozonen bringt. Aufgrund des Fehlens eines legalen, sicheren und kostenlosen Abtreibungsgesetzes seien in den letzten drei Jahrzehnten fatalerweise mindestens 3.040 Frauen gestorben.

Weiterhin schreibt Alcaráz: „Ein grünes Tuch, das den Anspruch von Rechten sichtbar macht und gleichzeitig eine kraftvolle Botschaft widerhallen lässt: Wir akzeptieren die Grausamkeit dieser Gesellschaft nicht, wir sind entschlossen, eine Welt zu erschaffen, in der wir sein können. Es ist eine grüne Kraft und Ausdruck des Rechts.“

Gegenwärtig hat Alberto Fernandez, amtierender Präsident Argentiniens seit Dezember 2019, seine Unterstützung für Feminist*innen der grünen Welle angekündigt und ein neues Projekt für die Legalisierung der Abtreibung ins Leben gerufen.

Von Welle zu Flut

Die grüne Welle in Mexiko-Stadt © Arturo Junior Vega

„Alarmbereit, alarmbereit, auch zu Fuß alarmbereit, feministischer Kampf in Lateinamerika“, so tönen die entschlossenen Schreie von Hunderten von Frauen, die Teil der Welle um das grüne Tuch in den Straßen verschiedener lateinamerikanischer Länder sind.

Verwickelt in eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen und in eine Gesellschaft, die ständig dem Machismo unterworfen ist, haben sich lateinamerikanische Frauen auch außerhalb Argentiniens entschlossen, Teil der großen feministischen grünen Bewegung zu werden. In Chile kam die grüne Flut mit einem kraftvollen Refrain: der Hymne der feministischen Freiheit, die heute weltweit präsent ist.

Mexikanische Frauen singen die chilenische feministische Hymne: „Es war nicht meine Schuld, egal, wo ich war oder was ich trug… Der Vergewaltiger bist du!“ © Arturo Junior Vega

Frauen in Mexiko haben je nach Wohnort mehr oder weniger Rechte auf die Möglichkeit einer Abtreibung, aber der Zugang zu diesen ist nicht immer ausreichend. Laut der journalistischen Website Animal Político ist ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund von Vergewaltigung im ganzen Land legal, aber es gibt immer noch viele Fälle, in denen der Eingriff verweigert wird.

Ja, die Geschichte des grünen Tuchs beginnt in Argentinien, aber sie hört dort nicht auf. Sie breitet sich in rasantem Tempo und ohne Pause in Lateinamerika und der Karibik aus, bis sie die gesamte spanischsprachige Welt erfasst: Iberoamerika ist in seinem feministischen Kampf mittlerweile von grünen Tüchern bedeckt!

 

Titelbild © Cobertura colaborativa #13J

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7 Kommentare
  1. Natalie Lenhof
    Natalie Lenhof sagte:

    An die Autorin: Angélica bist du schon mal bei einer der Demonstrationen dabei gewesen? Du beschreibst die Stimmung dabei sehr anschaulich!

    Antworten
    • Angelica Cruz Aguilar
      Angelica Cruz Aguilar sagte:

      Ja, in Mexico City und Costa Rica. Leider noch nicht in Argentinien, aber aufgrund der Videos die ich gesehen habe, kann ich mir vorstellen dass die Stimmung in den unterschiedlichen Ländern in Lateinamerika ähnlich ist. 🙂

  2. Natalie Adler
    Natalie Adler sagte:

    Ich finde das einfach so unglaublich spannend, weil man davon leider gar nicht genug hört in Deutschland. Das ist so ein schön geschriebener Artikel, der meine Sicht noch einmal erweitern konnte – danke dafür!

    Antworten
  3. Ipek Ivecan
    Ipek Ivecan sagte:

    Super interessanter und vor allem wichtiger Beitrag! Leider bekommt man, wie Natalie schon sagt, gar nicht so viel davon in Deutschland mit, außer man beschäftigt sich selbst damit. Finde die Botschaft der grünen Welle und insbesondere das grüne Halstuch als feministisches und politisches Symbol sehr bedeutungsvoll. Werde mich auf jeden Fall in Zukunft mehr damit auseinandersetzen!

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  1. […] Farbe von politischen Bewegungen? Dann schau dir die Artikel zur Grünen Revolution im Iran und zur Frauenbewegung in Lateinamerika […]

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