Vor dem Schlaf wird der Schlaftracker-Ring angesteckt und die Smartwatch umgebunden. Das Handy liegt neben das Kopfkissen, um vielleicht aufzunehmen, wenn man im Traum etwas spricht. Wohin führt dieser Gedanke einer immerwährenden Effizienz? Warum möchte der Mensch alles kontrollieren, auch das Unterbewusstsein? 

Rund 24 Jahre und 4 Monate schlafen die Deutschen im Durchschnitt in ihrem Leben. Wäre ja zu schade, wenn diese Zeit nicht auch sinnvoll genutzt werden könnte. Schließlich ist der eigentliche Sinn einer Ruhepause mit dem Ziel der Selbstoptimierung kaum vereinbar. Oder? Während des Schlafes zu lernen, sich zu bessern und den Trauminhalt zu kontrollieren, wird uns durch immer mehr und immer handlichere Gadgets erleichtert. Etwa durch einen Tracking-Ring, der beispielsweise die Körpertemperatur und den Blutdruck misst, während wir schlafen.

Der homo oeconomicus strebt nach Fortschritt und Zukunft und ist wenig präsent in der Gegenwart, so der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht. Er erörtert in seinem Essay Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens die Beziehung zwischen Mensch und technologischem Fortschritt und die Potenziale der Selbstoptimierung. Precht beschreibt in diesem Zuge die transhumanistische Ideologie. Auch Wissenschaftler wie Yuval Harari und Nick Bostrom beschäftigen sich mit dieser Idee eines ‚transhumans‘: einem Menschen, der die Spezie des homo sapiens technologisch und biologisch überholt und sogar versucht, unsterblich zu werden.

Der gegenwärtige Preis der Zukunftsorientierung

Schlaftracker messen, ob die REM-Phase eingetreten ist und die Schlafqualität verbessert wird. Vokabel-Apps helfen dabei, unterbewusst Sprachen zu trainieren. Und mit Naturklängen untermalt soll der Mensch das luzide Träumen erlernen, um auch noch Kontrolle über sein Unterbewusstsein zu erlangen. Sich selbst einen Schritt voraus zu sein und jede Minute des Tages und der Nacht zu nutzen, lautet die Devise. Wer sich zufrieden schlafen legt, keinen Drang nach Besserung spürt, hindere nach trans-und posthumaner Sicht den Fortschritt. Precht hinterfragt diese Denkweise und schreibt:

„Wenn die wahre Bestimmung des Menschen stets in einer imaginären Zukunft liegt, bleibt die Gegenwart stets beschädigt zurück.“

Janina Loh ist Philosophin und als Universitätsassistentin (PostDoc) im Bereich Technik- und Medienphilosophie an der Universität Wien tätig  © Carolina Frank (janinaloh.de)

In diesem Zuge spricht Precht von der Konzentration auf die Masse, anstatt auf das Individuum, einer Art ‚Selbstentsinnung‘ und verweist auf die Philosophin und Universitätsassistentin der Universität Wien Janina Loh. Diese erläutert im schriftlichen Interview mit Zwischenbetrachtung die Begriffe ‚Selbstvernutzung‘ und ‚Selbstentsinnung‘: „Der Begriff der ‚Selbstvernutzung‘ klingt für mich danach, sich selbst zu einem Nutzen zu machen, aus sich selbst einen Nutzen zu machen beziehungsweise zu ziehen. Das passt insofern zu den besagten Apps zur Schlafmessung und Traumsteuerung, als damit ja garantiert werden soll, jede Facette des menschlichen Daseins möglichst effizient auszubeuten. Im Traum Vokabeln lernen zu wollen, beziehungsweise anzunehmen, dass das sinnvoll sei, suggeriert, dass schlafen und träumen Leerphasen sind, zu nichts nutze eben und deshalb von uns mit einem Nutzen belegt werden können und vermutlich auch sollen.“

Hier entsteht die Paradoxie in der Vorstellung, Schlaf sei nutz- und sinnlos, wenn er nicht mit Kontrolle und Beschäftigung gefüllt werde. Laut Loh ist das ein Trugschluss: „Daraus könnte aber am Ende nicht mehr Nutzen (mehr Fortschritt, mehr Lernen, mehr Weiterentwicklung, insgesamt ein Mehr) folgen, sondern umgekehrt gerade die ‚Selbstentsinnung‘ – ein Umkippen des ständig akkumulierten Nutzens in die Sinnentleerung und Nutzlosigkeit. Denn natürlich sind Schlaf und Traum nicht nutzlos, sondern wichtige Phasen der Regeneration und der schöpferischen, kreativen Kraft in uns. Sie gerade – so könnten wir behaupten – ermöglichen uns am Tag ein Vokabeln lernen oder überhaupt ein Entscheiden darüber, welchen Tätigkeiten wir in unserem Alltag einen Nutzen zuschreiben möchten.“ So ergibt sich nach Loh ein Teufelskreis:

„Nehmen wir uns diese Zeiten, indem wir nach mehr Nutzen streben, verlieren wir letztlich die Fähigkeit, Nutzen zu erkennen und zuzuschreiben selbst.“

Daten und Zahlen – das neue Fleisch und Blut

Wir nutzen Apps, die unsere eigene Stimme aufzeichnen, während wir etwas im Traum sagen und genauestens wissen, wann wir geträumt haben müssen und wir halten direkt danach in der Notizapp unsere Trauminhalte fest. So kategorisieren wir unser Innerstes, ordnen es ein mit der Motivation einer vermeintlichen Selbstverbesserung. Die Vermessung des Selbst gewissermaßen. Die Bewegung der Selbstvermesser hat einen Namen: das Quantified-Self-Movement, welche aus jeder Körperfunktionalität Daten erfassen, um sich zu optimieren. Janina Loh stellt die Potenziale der Nutzung von Technologien etwa zu medizinischen und therapeutischen Zwecken nicht in Frage, sondern hinterfragt viel mehr, was mit dem Kern des Individuums in diesem Prozess passiert: „Menschen werden seit der Moderne und Aufklärung für komplexe Maschinen gehalten, deren ‚Code‘ (als eine Sammlung an Daten und Informationen) mit einiger Übung und den richtigen Methoden irgendwann entschlüsselt werden kann. Es handelt sich hierbei um eine reduktionistische Sicht auf die Menschen, die nicht besser ist als andere Reduktionismen – etwa in der Biologie, wo vielleicht Menschen eine sehr spezifische Konstellation von Genen darstellen. Das Problem dabei ist, dass dort, wo behauptet wird, alles (für diesen Kontext) Wichtige am Menschen ließe sich in Zahlen und Informationen ausdrücken, Dinge schlicht nicht gesehen werden, die nicht in Daten erfasst werden können.“ Was bedeutet das für die Zukunft?

Apps, wie Sleep-Tracker helfen den Körper zu vermessen @ Unsplash

„Denken wir die Annahme der Quantified-Self-Bewegung konsequent weiter, könnte daraus folgen, dass wir irgendwann verlernen, irgendwas an uns zu sehen und als relevant einzustufen, das sich nicht in Zahlen, Daten und Informationen ausdrücken lässt. Es handelt sich dabei sozusagen um eine self-fulfilling prophecy, um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“

Janina Loh beschreibt das paradoxe Verhältnis zwischen Nutzen und Streben nach Optimierung. Sie warnt davor, den eigentlichen Nutzen der Erholung durch andere Parameter zu ersetzen. Wie wir unseren Schlaf nutzen wollen, unsere Trauminhalte kontrollieren und kategorisieren wollen, bleibt uns überlassen. Wie wir uns als Mittel zum Zweck sehen und uns so selber dienen müssen, auch. Denn Schlaf darf auch mal Schlaf bleiben. Und Ruhe Ruhe bedeuten. Wenn unser Bewusstsein pausiert, verlieren wir Tiefe und regenerieren uns nicht. Daher könnte es nicht schaden, die Kontrolle der Zukunft einfach mal aufzugeben, um die Kontrolle der Gegenwart zurückzugewinnen.

Titelbild: © Unsplash 

 

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Kopf mit bunter Wolke Träume

3 Kommentare
  1. Hannah Braun
    Hannah Braun sagte:

    Sehr interessante Perspektive auf unseren Schlaf! Ich finde Janina Lohs Punkt zur Selbstvernutzung total gut, da man gerade durch das kapitalistische System immer mehr dazu neigt sich selbst sozusagen zur Ware zu machen. Sogar den Schlaf als „Arbeitszeit“ zu nutzen ist eigentlich total verrückt, wenn man darüber nachdenkt.

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  2. Runa Marold
    Runa Marold sagte:

    Ein sehr interessanter Beitrag zu dem Thema! Ich frage mich allerdings, ob die Leute, die nachts ihre Körperfunktionen tracken oder den Schlaf nutzen um ihr Wissen zu vertiefen, wirklich auf Kontrolle aus sind. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen einfach aus Interesse heraus solche Gadgets und Tricks benutzen, einfach weil die Technik inzwischen so zugänglich ist. Es wäre interessant herauszufinden, inwieweit man dadurch den Schlaf tatsächlich verändert.

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  3. Malin Merkle
    Malin Merkle sagte:

    Sehr spannender Beitrag zu einem Thema, mit dem wir vermutlich alle schon konfrontiert waren. Ich finde es wichtig, dass man nicht in jedem Lebensbereich den Gedanken zulässt, dass dieser kontrolliert um optimiert werden muss – besonders bei so einer wichtigen Körperfunktion wie dem Schlaf. Beim Thema Selbstoptimierung lebt man ja auch irgendwie ständig in der Zukunft… Deshalb gefällt mir der Satz: „Daher könnte es nicht schaden, die Kontrolle der Zukunft einfach mal aufzugeben, um die Kontrolle der Gegenwart zurückzugewinnen.“ besonders gut.

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