Schuhe, Flaschen, Möbel – im 20. Jahrhundert war nichts vor „Plastifizierung“ sicher. Nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch sich selbst schuf – aus Kunststoff und zur sexuellen Befriedigung. Aber warum die menschliche Wärme durch kaltes, totes Material ersetzen? Eine Suche nach Antworten in Deutschlands einschlägigen Gummipuppen-Foren und der Wissenschaft.

„3.500 € für Sexpuppen ausgegeben – schlechtes Gewissen?“ fragt Nutzer Talion im Forum gummipuppen.de, dem selbst ernannten „Original seit 1998“. Abseits der gesellschaftlichen Norm, auf einer Website, deren Design ebenfalls ein Original seit 1998 zu sein scheint, findet die Frage reichlich Anklang. „Du bist nun einmal so – Wir sind hier auch so“, antwortet Beyond Range. Mehr Konsens als bei gummipuppen.de geht nicht. Über 6.000 Aufrufe und 31 Antworten verzeichnet der Thread innerhalb eines Forums, in dem bereits über 100.000 Beiträge verfasst wurden.

Gummipuppen, Sexpuppen, Aufblaspuppen, Real Dolls. All das sind Bezeichnungen für einen Fetisch, den viele ausüben, aber auch viele verstecken – vor einem Umfeld und einer Gesellschaft, die ihn nicht so recht akzeptiert, ihn anrüchig, gar pervers findet. Aber warum haben zwischen all dem Sexspielzeug aus Hartplastik, Gummi, Metall, Lack und Leder in allen Formen und Farben ausgerechnet die Puppen ein derart schlechtes Image? Wer an Dildos und Vibratoren Lust empfindet, bekundet das zwar nach wie vor selten in der breiten Öffentlichkeit, ist damit aber schon lange raus aus der Schmuddel-Ecke. Nicht so bei der Gummipuppe, und das, obwohl sie sich doch gewandelt hat über die Jahre.

Menschenähnliche Real Doll

Die neue Generation Sexpuppe aus Silikon vom Premium-Hersteller DS Doll. © Wikimedia Commons

Der Puppe mit dem eigenen Atem Leben einhauchen

Vom formlosen, aufblasbaren Plastikungeheuer ist nicht mehr viel übrig. Hergestellt aus thermoplastischen Elastomeren oder Silikon arbeiten Premium-Hersteller wie Dollpark oder DS Doll mittlerweile mit realen menschlichen Vorbildern. Seit ein paar Jahren können sich Real-Doll-Fans, die 1.500 Euro auf dem Konto locker haben, etwa ein Kunststoff-Abbild der ehemaligen deutschen Pornodarstellerin Anike Ekina nach Hause bestellen. Aber vielleicht ist es genau das, was die Menschen abschreckt, die sich so schwertun mit der Liebe zum Menschen aus Plastik: Die unheimliche Ähnlichkeit zum Menschen, der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt. Dieser sorgt dafür, dass wir es schauerlich finden, wenn etwas zu menschlich aussieht, aber dann doch nicht menschlich ist.

Und so gibt es sie noch, die Liebhaber der ersten Generation, die das wollen, was nur im Ansatz dem menschlichen Körper ähnelt: die aufblasbare Puppe, der sie mit dem eigenen Atem Leben einhauchen können. Aus dünnem, oft billig in asiatischen Ländern gefertigtem Plastik stellt die Aufblaspuppe rein objektiv ein eher klägliches Imitat der Menschlichkeit dar. „Stirbt der Markt der Aufblaspuppen aus?“ ruft User75 verzweifelt ins Forum. Sein Thread erhält 25 Antworten und wird 4.000 Mal aufgerufen. Der Markt scheint noch nicht ganz tot zu sein.

Ersatz oder Zusatz

Für viele in der Sexpuppen-Community, die zu einem übermächtigen Teil aus Männern besteht, hat die Hingabe zur Puppe ihren Ursprung im Sozialen. Im Thread „Warum habe ich mir eine Sexpuppe gekauft“ tauschen sich die Mitglieder tagtäglich über ihre Erfahrungen aus. Talion will „dieses Gefühl einer ‚Freundin‘ simulieren“, für livelovedolls kam „nach jeder gescheiterten Beziehung von Neuem der Entschluss auf, eine Doll zuzulegen.“ SexManiac erzählt von seiner Ehe, die schon seit Jahren kaputt und „nicht flickbar“ sei. Kein Nutzer innerhalb des Threads begreift die Sexpuppe als Zusatz zum vorhandenen Sexleben, stattdessen viel mehr als Ersatz für die nicht vorhandene körperliche Zuneigung und Zärtlichkeit.

Nicola Döring von der TU Illmenau sieht im Sexpuppen-Fetisch einen Umgang mit sozialen Ängsten, der bei „temporärer Nutzung […] auch heilsam und stärkend sein und die spätere Beziehungsaufnahme zu anderen Menschen vorbereiten“ kann. Auf der anderen Seite könnten sich Kontaktstörungen und soziale Ängste aber auch verstärken. Ein Land, das diese Probleme besonders gut kennt, ist Japan. Hier führen viele, insbesondere männliche Jugendliche einen sehr zurückgezogenen, unsozialen Lebensstil. Die Otakus, wie sie in Japan genannt werden, greifen daher verstärkt auf unechte Sexpartnerinnen zurück. Als in Dortmund das erste Sexpuppen-Bordell (BorDoll) aufmachte, gab es in Japan bereits mehr als 70 Etablissements dieser Art. Doch das Beispiel BorDoll zeigt: Auch hierzulande wächst der Markt. Vor allem dank Corona und der zunehmenden Vereinsamung von Menschen, die zuvor schon recht einsam waren. Laut BILD.de stieg der Umsatz vom Sexpuppen-Hersteller Dollpark bereits zu Beginn der Pandemie um 20 Prozent.

Youtube-Reportage: Mein Tag im Sexpuppen-Bordell von "Die Frage"

„Die Frage“-Moderator Frank Seibert im Sexpuppen-Bordell. © Die Frage. URL zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=0M8jrgWisYg

 

Die Wut auf die Sexpuppe

Trotz des pandemischen Sexpuppen-Booms bewegt sich die Community im Verborgenen. Der Austausch in Online-Foren wie gummipuppen.de und die damit verbundene teilgesellschaftliche Akzeptanz könne „entlastend wirken, aber auch Risiken bergen, etwa, wenn dort fragwürdige Vorstellungen verbreitet werden“, sagt Nicola Döring und spielt damit auf Gewaltfantasien und Vergewaltigungsszenarien gegenüber Frauen an.

„Stoppt die Sexpuppen“, titelte die EMMA im Jahr 2018. Megan Walker vom London Abused Women’s Centre bezeichnete im feministischen Magazin die Sexpuppe als die „ultimative Abwertung von Frauen“ und weiter als „jede Frau, die ihn zurückgewiesen hat; jede Frau, die er nicht haben kann; jede Frau, die erfolgreicher war als er; die mehr gelobt wurde als er; die begehrter war, als er es sich jemals hätte träumen lassen … Und nun kann er endlich alles mit ihr machen, was er will.“

Hass auf die Sexpuppe

Geliebt und gehasst: Die Gummipuppe. © pixabay.de

Für die einen ist die Sexpuppe der Ausdruck einer männlich dominierten Gesellschaft, die ihre Frauen zum Objekt degradiert. Für andere ist sie wie jedes andere Sexspielzeug eine harmlose Fantasie. Für wieder andere ist sie ein interessanter Untersuchungsgegenstand. Doch für die, die regelmäßig mit Sexpuppen schlafen, mit ihnen zusammenleben oder gar eine Beziehung führen, ist es eine alltags- und lebensumfassende Leidenschaft – für 3.500 Euro und ein schlechtes Gewissen.

Könnt ihr die Liebe zum Menschen aus Plastik nachvollziehen? Schreibt es in die Kommentare!

Titelbild: © unsplash.de

 

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1 Antwort
  1. Lea Sachs
    Lea Sachs sagte:

    Interessanter Beitrag!
    Wirkliche Liebe zum Menschen aus Plastik für mich aber immer noch nicht ganz nachvollziehbar. Da würde mir persönlich einfach die richtige soziale Interaktion fehlen, aber jeder Mensch ist ja anders gestrickt 😉

    Antworten

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