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Keine Zombie-Apokalypse, keine Aliens aus dem Weltraum – asiatische Horrorfilme bevorzugen es mit alltäglichen Dingen Alpträume zu verursachen. In diesem Longread werden drei klassische Filme aus verschiedenen Orten Asiens vorgestellt und erläutert, warum der Ursprung unserer Angst aus vertrauten Dingen entstehen kann. 

Ju-on: The Grudge 1 & 2 (Japan 2002, 2003)

Ju-on: The Grudge (2002)

Die Altenpflegerin Rika soll eines Tages ein Haus in Nerima, Tokyo, aufräumen und sich um eine alte Dame kümmern. Dort erlebt sie jedoch den Mord der alten Frau von einem hässlichen Geist und fällt in Ohnmacht. Nach und nach sterben viele ihrer Freunde aus ungewissen Gründen. Rika versucht eine Freundin zu retten, welche sich nach einem ihrer Schüler erkundigen will und deswegen sein Haus aufsucht. Jede Hilfe kommt jedoch zu spät. Auf der anderen Seite soll die Schauspielerin Kyoko als Moderatorin an einem TV-Programm über Mordhäuser teilnehmen. Nach und nach werden alle ihre Kollegen von einer blassen Frau umgebracht. Auch ihr Freund liegt eines Tages tot auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Aber die Schwangere wusste gar nicht, dass es noch etwas Schlimmeres auf sie wartete.

Ju-on (japanisch 呪怨) bedeutet Fluch aus Groll. In den beiden Filmen werden zahlreiche kurze Geschichten nichtlinear erzählt. Alle Opfer, die von dem grausamen Geist Takeo getötet werden, haben direkte Kontakte mit dem Mordhaus oder Familienmitgliedern sowie zu Freunden, die das Haus betreten haben. Das Mordhaus gehörte vorher einer dreiköpfigen Familie: dem Mann Takeo, seiner Ehefrau Kayako und ihrem Sohn Toshio. Kayako war ein schüchternes und ungeselliges Mädchen und verliebte sich in ihren Mitschüler Kobayashi in aller Heimlichkeit. Sie verfolgte ihn und schrieb alles über ihn in ein Tagebuch. Diese exzentrische Frau heiratete Takeo, nachdem Kobayashi eine andere ehemalige Mitschülerin heiratete. Sechs Jahre nach der Geburt von Toshio wünschte Takeo sich ein weiteres Kind, aber gleichzeitig erfuhr er, dass er wahrscheinlich unfruchtbar ist. Anschließend fand er das geheime Tagebuch von Kayako. Aus Wut tötete er seine Frau und seinen Sohn auf ungeheure und brutale Weise. Als er sich an der Kobayashi-Familie rächen will, erscheint der Geist von Kayako. 

Der Fluch der Kayako-Familie scheint wie ein Virus zu sein. Niemand kann sicher sein, nachdem er oder sie absichtlich oder unabsichtlich dem bösen Geist begegnet ist. Und die neuen Opfer werden auch zu neuen Tätern. Die unzufriedenen Geister tauchen schlagartig auf und überraschen ihre Opfer – ob vor der Wand, unter dem Bett oder hinter dem Rücken der Opfer. Was den Film jedoch noch furchteinflößender macht, ist die Präsentation der bekannten alltäglichen Umgebung in gruseliger Atmosphäre. Das Haus scheint nichts besonders zu sein, doch wenn man das schmale Treppenhaus, die enge Dachstube und den dunklen Wandschrank genau beobachtet, kommen dazwischen plötzlich blasse Gesichter mit blutroten Augen hervor. Eine ikonische Szene zeigt, wie ein Opfer versucht, sich aus Angst unter der Bettdecke zu verstecken… Der Ergebnis kann man sich vorstellen, es ist zu gruselig, um es hier zu erwähnen. Außerdem gibt es kaum Musik in den Szenen. Wie das Alltagsleben herrscht auf der Leinwand weißes Rauschen. Erst wenn die Zuschauer sich an die Stille gewöhnt haben, passiert das Ungewöhnliche ohne Warnung.

A Tale of Two Sisters (Korea 2003)

A Tale of Two Sisters (2003)

Su-mi und Su-yeon kehren nach einem langen Aufenthalt in einer Psychiatrie nach Hause zurück, wo ihr Vater und ihre Stiefmutter sie erwarten. Das erste Abendessen markiert die angespannte Beziehung zwischen den Schwestern und ihrer Stiefmutter. Die ältere Su-mi streitet sich ständig mit der neuen Frau ihres Vaters, die nach ihrer Ansicht das vorherige glückliche Leben der Familie zerstört hatte. Die jüngere und ängstliche Su-yeon hingegen, wird wegen Kleinigkeiten bestraft. Als sie den Käfig der Lieblingsvogels der Stiefmutter kaputt macht, muss sie zur Strafe in den Kleiderschrank. Dort erleidet das Mädchen einen Nervenzusammenbruch. Su-mi wendete sich verzweifelt an den Vater. Dieser antwortet jedoch nur, dass er nichts mehr von dem Kleiderschrank hören will. Gleichzeitig passieren ungewöhnliche Ereignisse in der Familie: Der Vater spricht immer öfter mit einer unbekannten Person über das Geschehen in der Familie am Telefon; ein weiblicher Geist hebt mitten in der Nacht die Bettdecke von Su-yeon auf; unter dem Geschirrspüler taucht das Gespenst von einem Mädchen auf; Su-mi träumt von dem Geist, der ihrer Mutter ähnelt…

Der Erfolg des Filmes lässt sich einerseits auf die unerwartete Handlung zurückführen, als man erfährt, dass die sogenannten Gespenster Illusionen von Su-mi sind, weil sie unter Schizophrenie leidet. Auch ihre jüngere Schwester und die Stiefmutter sind zwei Persönlichkeiten von ihr, denn sie erlebte den Selbstmord ihrer Mutter und den zufälligen Tod ihrer Schwester mit. Su-mi brach darunter zusammen.

Auf der anderen Seite gelingt es dem Film, die fiktiven und schrecklichen Vorstellungen mit dem wirklichen Alltag zu kombinieren. Der Kleiderschrank, in dem die Mutter in Wirklichkeit Selbstmord beging und von dem dem Su-yeon zufällig erschlagen wurde, ist ein normales Möbelstück in jedem Familienhaus. Unter dem Geschirrspüler, auf den man im Alltag kaum achtet, verbirgt sich das blasse Gespenst mit verzerrtem Gesicht. Unter der kuscheligen Bettdecke fühlt man sich nach diesem Film nicht mehr sicher. „A Tale of Two Sisters“ erzählt uns eine ungewöhnliche Familientragödie in einer für uns ganz gewöhnlichen Umgebung, in dem Haus einer normalen Familie.

A Wicked Ghost (Hong Kong 1999)

A Wicked Ghost (1999)

Vier Freunde von Ming spielen ein spirituelles Spiel, indem sie Wasser mit Blut trinken. So rufen sie einen weiblicher Geist herbei. Kurz darauf sterben alle Freunde nacheinander an plötzlichen und unerklärlichen Ereignissen: Herzinfarkt, Selbstmord… Nur Ming überlebt. Um sich zu retten, sammelt Ming zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Freund Mao alle Informationen über den bösen Geist. Gleichzeitig benutzt der Geist eine Freundin von Ming, um ihr mitzuteilen, dass sie nur noch drei Tage zu leben habe.

Der Film war der Alptraum zahlreicher Chinesen. Und plötzlich verwandelten sich alltägliche Gebrauchsgegenstände in Orte der Angst: sei es der Fahrstuhl, die Toilette oder das Haarewaschen… Der Geist war eine Schauspielerin der kantonesischen Oper (eine traditionelle Opera Chinas) und trägt stets das klassische blauen Kostüm. Man stellt sich unbewusst vor, wie die blassen Hände unter dem blauen Ärmel hervorkommen und an der Schulter berühren. In einer klassische Szene wird eine Frau von dem Geist auf dem Weg zu Toilette verfolgt. Die Zuschauer sehen wie der Geist so nah an ihr lehnt, dass fast kein Abstand zwischen ihnen ist. Die Frau merkt jedoch nichts außer einem kühlen Schauer. Nachdem man diese Szene gesehen hat, fällt es schwer noch unbeschwert zur Toilette zu gehen.

Sigmund Freud schreibt in seinem Essay Das Unheimliche, dass es nicht nur das Unvertraute, sondern zugleich das Vertraute sein kann, dass uns am Meisten gruselt. In den drei oben genannten Filmen versteckt sich das Unheimliche, die Geister und Gespenster, perfekt in dem uns Vertrauten. Die Zuschauer von Horrorfilmen gewöhnen sich vielleicht daran hässliche Geister auf der Leinwand zu sehen, diese asiatischen Filme lassen jedoch jeden Horror-Fan erschaudern – hinter allem Alltäglichen steckt das Unheimliche. Wer glaubt, dass solche Filme doch gar nicht so gruselig sind, der soll es einmal selbst ausprobieren und sich dem Grusel des Alltäglichen stellen. Ich habe vor drei Jahren „A Wicked Ghost“ gesehen und kann immer noch nicht meine Haare in schwachem Licht waschen.

Am 14. Oktober 2014 erscheint „The Evil Within“ auf dem Markt – ein japanisches Survival-Horror-Spiel der anderen Art. Aufgrund seiner einzigartigen Atmosphäre und Handlung setzt sich das Computerspiel von anderen Spielen seines Genres ab. Es erhielt überwiegend positive Bewertungen wegen seiner fesselnden Geschichte, welche an die Filme „The Matrix“ und „Inception“ erinnert. 

Die Geschichte begann mit der Untersuchung eines Massenmords in der Beacon-Nervenklinik in Krimson City. Detective Sebastian Castellanos und seine Kollegen Joseph Oda und Julie Kidman begegnen zahlreichen mutierten Menschen sowie ungeheueren Geistern. Nach und nach realisieren sie, dass sie sich tatsächlich in einer Traumwelt befinden und von einer unbekannten Organisation mit Absicht geschickt wurden. Um zur Realität zurückzukehren, müssen sie jedoch eine Aufgabe lösen: das allmächtige Gespenst Ruvik zur Strecke bringen.

Das Gehirn in der Maschine

Das Gespenst Ruvik in seiner Traumwelt. Sein Gesicht ist deutlich gezeichnet von Brandnarben.

Der Bösewicht Ruvik, wahrscheinlich „the evil“, war einst ein hochbegabter Wissenschaftler. Geboren in einer reichen Familie, entdeckte Ruvik früh sein Interesse für Hirnforschung. Aufgrund seiner brutalen Experimente an kleinen Tieren betrachteten sowohl die Erwachsenen als auch seine Altersgenossen ihn als Freak. Nur zwei Personen unterstützen ihn während dieser Zeit: Dr. Jimenez, ein Arzt der Beacon-Nervenklinik, welcher ihm als Mentor zur Seite steht und ihm dabei hilft Geld für seine Projekte zu sammeln, sowie seine Schwester Laura, die ihn als einzige wie einen normalen Menschen behandelt. Laura stirbt jedoch auf tragische Weise bei einem Scheunenbrand. Die Scheune war Ziel eines Racheaktes gegen ihre Eltern, welche sich zu viele Ländereien in der Umgebung gekauft hatten.

Das STEM-Gerät

Ruvik spielte mit Laura in der Scheune und erlitt schwere Brandverletzungen. Für ihn bricht mit ihrem Tod eine Welt zusammen. Durch ihren Tod verliert er jeglichen Bezug zur Menschlichkeit. Er vergräbt sich in seiner Forschung und verfolgt nur ein Ziel: Laura wieder zum Leben zu erwecken. Er glaubt, dass das Wesen der Menschen nicht vom sterblichem Körper abhängt, sondern von dem unvergänglichem Bewusstsein. Ruvik, der inzwischen wahnsinnig geworden ist, tötet seine Eltern für ihr Geld und entführt die Täter des Brandes. Er benutzt Unschuldige als Testpersonen für seine kranken Experimente. Mit Hilfe seines Mentors Dr. Jimenez entwickelt er eine Maschine namens STEM, mit der Gehirne gekoppelt werden können, um auf elektrochemischer Ebene Gefühle und Wahrnehmung miteinander zu teilen. Als Ruvik sich seines Erfolges schon sicher ist, tötet ihn eine unbekannte und mächtige Organisation, für die Dr. Jimenez arbeitete. Anders als Ruvik, sieht die Organisation die Möglichkeit durch STEM das menschliche Bewusstsein lesen und kontrollieren zu können. Weil Ruvik die Maschine rund um sein eigenes Bewusstsein gebaut hatte, wird ihm sein Gehirn entnommen und als Hauptbauteil in STEM einmontiert.

Eine Mischung aus „Matrix“ und „Inception“

Auf den ersten Blick scheint das STEM-Gerät wie eine Matrix zu funktionieren. Es präsentiert den Versuchspersonen eine fiktive Realität, ähnlich wie in dem Film „The Matrix“ (1999). Es gibt aber einen feinen Unterschiede zwischen dem Spiel und dem Film: STEM kann keine kohärente Realität herstellen. Obwohl verschiedene Leute durch ihr Bewusstsein miteinander kommunizieren können, unterscheiden sich die Szenen die STEM zur Verfügung stellt. Der Grund dafür ist, dass STEM, im Unterschied zur Matrix, als programmiertes Produkt von höchst logischer Intelligenz, nämlich dem Bewusstsein von Ruvik, abhängig ist.

Das Monster mit einem riesigen Kopf, der einem Safe ähnelt.

Weil Detective Sebastian zuerst nicht weiß, dass er sich in einer virtuellen Welt befindet, gleichen seine Erfahrungen in der STEM einem Abenteuer. Die innere dunklere Seite von Ruvik verwandelt sich in zahlreiche unheimliche Geister, die ihn auf seinem Weg kreuzen. So werden beispielsweise aus Hunden mutierte Bestien, nachdem sie die Leichen von Ruviks Opfern verschlingen. Das Monster mit einem riesigen Kopf, der einem Safe ähnelt, verkörpert Ruviks Ärger über den Verrat von Dr. Jimenez. Dieser stahl und verkaufte die technischen Unterlagen über STEM. Das hässlichste, vielleicht fürchterlichste Monstrum in dem ganzem Spiel, wird von einer Frau mit zahlreichen Beinen und einem abnormalen Körper voller Blut verkörpert. Diese Projektion von Ruviks trostloser Erinnerung, dass seine Schwester hoffnungslos verbrannt wurde, jagt den Spielern Angst und Schrecken ein. In dieser Hinsicht kann das STEM-Gerät mit dem Traum-Apparat in dem Film „Inception“ (2010) verglichen werden. Für den Besitzer der Traumwelt attackiert Ruviks Unterbewusstsein Eindringlinge, indem die oben genannten Geister freigelassen werden.

Ein Horror-Spiel mit einer solch unerwarteten Handlung und kompliziertem Plot ist heutzutage eher selten. Manche kritisieren es als zu verwirrend, während Andere wiederum das einzigartige Storytelling und die transmediale Intertextualität loben. Die unendliche Neugier des Menschen auf das eigene (Unter-)Bewusstsein und der Instinkt, Geister zu bekämpfen sind zwei Elemente, die in der Geschichte des Spiels erfolgreich kombiniert werden.

Japan – ein Land zwischen Tradition und Fortschritt. Das gilt auch für seine Geistergeschichten. Was gibt es für Geisterarten in Japan? Und warum bieten sie einem Klopapier an?

Die japanische Kultur kennt unzählige Arten von Gespenstern. Zwischen göttlichen Naturgeistern und rachsüchtigen Totenseelen ist so ziemlich alles dabei. Denn Geister nehmen in Japan einen ganz anderen Stellenwert ein als in der westlichen Welt. Das kann auch die Tübinger Japanologin Petra Jeisel bestätigen. Während ihrer Studienzeit im Land der aufgehenden Sonne hat sie das selbst erlebt: „Als ich mit einem Einheimischen einen Friedhof besucht habe, wollte ich ein Foto machen. Er schien doch einigermaßem erstaunt und meinte, er hätte dabei ein schlechtes Gefühl – wegen der Geister.“

Japanische Geisterwesen – Eine lange Tradition

Vor allem die spirituellen Wurzeln Japans (Shintō und Zen-Buddhismus) und die dortige Wertschätzung von Traditionen sind verantwortlich für diese Ehrfurcht vor den Geistern. Denn die heutigen Vorstellungen von „bakemono“ (Oberbegriff für gespenstische und übernatürliche Wesen im japanischen Volksglauben) sind von den letzten Jahrhunderten mythologischer Überlieferungen geprägt. Die „bakemono“ lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: „Yōkai“ und „Yūrei“ …

Wer braucht schon Poltergeister?

Notice me senpai! (Bild: Marcel L.)

„Yōkai“ lassen sich wohl am ehesten mit westlichen Fabelwesen vergleichen. So gelten beispielsweise Tanuki (Marderhunde) als Yōkai, die ihre Gestalt wandeln können und mit listigen Plänen durchaus auch mal in menschlicher Gestalt durch die Welt ziehen. Neben „Oni“ (Dämonen) und „Tengu“ (Berggeister und Meister der Waffenkunst mit einem Schnabel) zählen zu den Yōkai auch sogenannte „Tsukumogami“. Dabei handelt es sich um Alltagsgegenstände, die nach hundert Jahren der Vernachlässigung plötzlich zum Leben erwachen.

Wenn also in einem japanischen Haushalt plötzlich Teller durch die Gegend fliegen, ist das nicht unbedingt das Werk eines Poltergeistes, sondern einfach ein Schrei nach Aufmerksamkeit von beseeltem Porzellan.

Totgesagte „leben“ länger

Ein Onyrō nimmt Rache an einem Mönch; aus Wakan ehon sakigake 和漢絵本魁, 1836 (Bild: The British Museum.

„Yūrei“ oder auch „Bōrei“ kommen der westlichen Vorstellung eines Gespenstes näher. Es handelt sich hierbei nämlich um Seelen von Verstorbenen, die aufgrund eines Unrechts zu Lebzeiten oder kurz nach ihrem Tod (z.B. ein unrühmliches Begräbnis) keinen Frieden finden konnten. Ähnlich wie in unserer Vorstellung von Gespenstern haben auch Yūrei keine Beine, sondern schweben durch die Luft. Dabei suchen sie die Lebenden heim, jedoch meist ohne ernsthaften Schaden anzurichten. Es sei denn, es handelt sich um sogenannte Onryō – Rachegeister.

Eine Besänftigung der toten Seelen kann durch verschiedene buddhistische Rituale, einem Exorzismus nicht unähnlich, erreicht werden. Erste Quellen für diese Praxis stammen schon aus dem 8. Jahrhundert. Auch heute spielt die Besänftigung der Seelen Verstorbener eine wichtige Rolle für die japanische Bevölkerung. Ähnlich wie beim mexikanischen Día de los muertos wird in Japan seit über 500 Jahren das Totenfest „Obon“ gefeiert, bei dem die Geister der Ahnen befriedet werden sollen. Aber diese kulturell vorgeschriebende Verehrung von Geistern inspiriert auch ganz andere Geschichten …

Von wegen stilles Örtchen – Onryō und Yūrei in „Urban Legends“

In japanischen Sanitäranlagen kann man nicht nur moderne High-Tech-Toiletten mit Sprachfunktion und Turbobrause finden. Unzählige „Urban Legends“ – eine moderne Form des Ammenmärchens – ranken sich um die Keramikabteilung. Zwei davon sollen hier kurz vorgestellt werden.

 „Rotes oder blaues Papier?“

Die Qual der Wahl – oder umgekehrt? (Bild: Marcel L.)

Aka Manto (was übersetzt so viel wie „roter Umhang“ bedeutet) ist eine Geistergestalt, die ihr Unwesen auf so ziemlich allen öffentlichen Toiletten treibt. Gehüllt in ein rotes Cape und mit einer Maske vor dem Gesicht, soll der Geist Menschen heimsuchen, die sich gerade auf den Porzellanthron gesetzt haben.

Auf seine Frage „Willst du rotes oder blaues Papier?“ sollte man am besten gar nicht antworten. Denn wenn man sich für das rote Papier entscheidet, so wird man so lange aufgeschlitzt, bis die eigenen Klamotten ganz rot sind. Und wenn man den blauen Zellstoff wählt, so erwürgt Aka Manto einen, bis das Gesicht ganz blau angelaufen ist.

Angeblich soll Aka Manto der Geist eines gut aussehenden jungen Mannes sein, der auf ungeklärte Weise auf der Toilette getötet wurde. Aus Schmach über dieses unrühmliche Ende soll er seine Maske also tragen, um seine Identität zu verbergen. Als Onryō sucht er deswegen auch gerade am Ort seines Todes Vergeltung.

„Willst du mit mir spielen?“

Hanako-San ist eine „Urban Legend“, die vor allem an japanischen Grundschulen beliebt ist. Ähnlich wie bei der Bloody-Mary-Legende soll der Geist dieses kleinen Schulmädchens mit Bubikopf und rotem Kleid nach bestimmten Ritualen erscheinen – und zwar auf der Mädchentoilette. Die Geschichte wird mitunter auch als Vorlage für die Maulende Myrthe in Harry Potter vermutet. Hanako soll auf grausame Weise von ihren Eltern ermordet oder bei einem Luftangriff während des Zweiten Weltkriegs von Bomben zerfetzt worden sein, und lässt sich darum wohl am ehesten als Yūrei bezeichnen.

Der genaue Ablauf des Rituals variiert dabei aber von Schule zu Schule. In einer Version muss man im WC im dritten Stock an der dritten Kabinentür dreimal anklopfen und Hanako-San fragen, ob sie mit einem spielen will. In einer anderen Variante genügt es, ihren Namen in eine der Kabinen zu rufen. Das sieht dann ungefähr so aus:

Ob die kleine Hanako die mutigen Mädchen nun dem Mythos nach auffrisst, aufschlitzt oder einfach nur verängstigt – die Folgen solcher Geistergeschichten sind real. Studien weisen darauf hin, dass Sagen rund um das WC, wie die um Hanako Blasenentleerungsstörungen, Angststörungen bei kleinen Mädchen verursachen können.

Horror made in Japan

Wenn es eines gibt, was Aka Manto und Hanako-San zeigen, dann dass die traditionsreiche Geisterkultur Japans auch in der Gegenwart fortlebt. Aber auch abseits von „Urban Legends“ und Kindermutproben sind die Geister noch immer präsent. Nicht umsonst gibt es ein eigenes Filmgenre, J-Horror, dass sich neben Aspekten des psychologischen Horrors vor allem auch mit Onryō und Yūrei auseinandersetzt. Diese Filme sind wiederum ein Sinnbild für die tiefe Verbindung zu den eigenen Traditionen. Denn häufig adaptieren sie Geschichte sowohl aus altertümlicher wie auch klassischer Literatur – aber das wäre ein Thema für einen anderen Beitrag.

Wer sich für andere asiatische Geistertraditionen und -geschichten interessiert, sollte sich diese Artikel auf unserem Blog noch unbedingt ansehen:

Alberne Gespenster aus aller Welt – der japanische Shirime

Geschichten von Liebe und Hass: Geister in chinesischen Mythen

Gerät das Geisterfest in China in Vergessenheit?

Weiterführende Literatur:

Michael Dylan Foster (2008) – Pandemonium and Parade: Japanese Monsters and the Culture of Yōkai.

Michael Dylan Foster (2006) – Strange Games and Enchanted Science: The Mystery of Kokkuri. In: The Journal of Asian Studies 65(2), S. 251-275.

Siegbert Hummel (1949) – Das Gespenstige in der japanischen Kunst (Bakemono).

Bernhard Scheid – Religion in Japan.

Gespenster können mal eine politische Idee sein, mal schaurige Monster, und oft Figuren in unseren liebsten Geschichten. Doch hat die Menschheit im Laufe ihrer illustren Historie schon das ein oder andere Gespenst hervorgebracht, bei dem man sich fragt, ob uns alle guten Geister verlassen haben. Begeben wir uns auf eine kleine, skurrile Weltreise.

1. Das „Highgate Chicken“ Gespenst

Sir Francis Bacon war ein Philosoph, Staatsmann und Jurist und gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der empirischen Forschung. Man mag von Ironie sprechen, dass sich ausgerechnet aus dem Umfeld Bacons eine der faszinierendsten Gespenstergeschichten Englands entwickelt hat. Die Geschichte des „Highgate Chicken“ Gespensts.

Wir schreiben das Jahr 1626. In Europa wütete der verheerende dreißigjährige Krieg. Im verschneiten England, genauer am Highgate Pond nahe London, lieferte sich Wissenschaftler Francis Bacon eine hitzige Diskussion mit seinem Freund Dr. Witherbone darüber, auf welche Art sich Fleisch am besten konservieren ließe und vielleicht auch darüber, wer von beiden den lustigeren Nachnamen hat.

Bacon argumentierte, dass Kälte die Lösung sein könnte, und um das zu beweisen, ging er los und kaufte ein Huhn. Es ist nicht bekannt, ob dieses Huhn bereits Anzeichen von dämonischer Präsenz zeigte. Man weiß nur, dass Bacon es kaltblütig ermordete, rupfte, ausnahm, mit Schnee füllte und in einem Sack in mehr Schnee vergrub. So erfand Bacon, Verfasser der Universalenzyklopädie De dignitate et augmentis scientiarum, das erste gefrorene Hähnchen. Am selben Tag erkältete er sich und starb wenig später an einer Lungenentzündung.

Jener Ort, an dem Bacon das Huhn vergrub, gilt seit jenem schicksalshaften Tag als heimgesucht. Doch ist es nicht Bacons Geist, der den Ort heimsucht, oder der ruhelose Dr. Whiterbone, der nie darüber hinwegkam, dass Bacon Recht hatte. Nein, noch bis heute soll dort der Geist des Highgate-Hähnchens sein Unwesen treiben. Es gibt verschiedene Berichte von Zeugen, die am Highgate Pond ein halb-gerupftes, kopfloses Huhn im Kreis herumrennen gesehen haben. Wild mit den Flügeln schlagend und auf den Boden pickend mit einem Schnabel, welchen es nicht mehr hat. Die letzte angeblich belegte Sichtung des Horror-Huhns aus der Hölle, soll es in den 1970ern, gegeben haben. Wollen wir hoffen das Huhn hat erkannt, dass es für die Wissenschaft starb und es jetzt, glücklich gackernd, seinen Frieden in den ewigen Jagdgründen gefunden hat.

2. Mula-sem-cabeça – Das kopflose Maultier

Wir kennen den christlichen Gott als jemanden, mit dem man sich besser nicht anlegt. Mal schmeißt er Frösche herab, lässt Erstgeborene sterben, flutet den halben Planeten oder straft uns fürs Turmbauen mit Fremdsprachen lernen. Manchmal verwandelt er einen zur Strafe aber auch in ein kopfloses lila Maultier, das Feuer aus dem Halsstumpf speit. Laut brasilianischer Folklore soll dieses Schicksal eine brasilianische Prostituierte erlitten haben, die eine Affäre mit einem Priester hatte.

Je nach Version variiert die exakte Form des Fluches, mit welchem die Frau von Gott in dessen unendlicher Kreativität belegt wurde. Einig ist man sich darin, dass die Verfluchte dazu verdammt ist sich Donnerstag nachts in jene albtraumhafte Maultier-Gestalt zu verwandeln. Meist trägt sie dabei noch ein fliegendes Zaumzeug, gibt das Jammern einer Frau von sich und ist geschmückt mit einer brennenden Mähne. Sie trampelt achtlose Menschen nieder und man kann sich ihr nur entziehen, indem man sich flach auf den Boden legt und ruhig bleibt. Angeblich sieht sie nicht so gut …

Wir wollen an dieser Stelle nicht den pädagogischen Wert diskutieren, eine käufliche Dame dafür zu bestrafen Sex zu haben, während man den Priester laufen lässt. Denn der Fluch hat ein Gegenmittel! Um die brennende Geisterdirne zu retten, bedarf es nur der Entfernung des Zaumzeugs. Oder man ersticht sie. Denn dann würde sich das kopflose Maultier zurück in das Freudenmädchen verwandeln, nackt, schwitzend und nach Sulfur stinkend. Der „Glückliche“, dem dies gelingt, muss sie anschließend zur Frau nehmen.

Vermutet wird, dass die Geschichte als christliches Lehrstück gegen die in Brasilien weit verbreiteten Naturreligionen entstanden ist, um die Zügel- und Kopflosigkeit des wilden, animalischen Menschen zu verdeutlichen und Priester vom Zölibat zu überzeugen. Denn wer will schon für eine galoppierende, das Dorf terrorisierende, feuerspeiende Geisterdirne verantwortlich sein?

Künstlerische Veranschaulichung

 

3. Shirime

Zuletzt wollen wir noch einen Blick in das Mutterland seltsamer Gespenstergeschichten werfen: Japan. Neben einer Unzahl an Todesgöttern, Naturgeistern und Horror-Sagen gibt es in Japan sogenannte Yōkai, eine Klasse an Gespenster, die mit Monstern oder unseren westlichen spukenden Geistern vergleichbar sind. Oft auch als Mononoke bezeichnet, haben diese Gespenster die Fähigkeit der Gestaltwandlung, können von Tieren Besitz ergreifen oder beleben Gegenstände. Meist läuft eine Yōkai-Geschichte aber ziemlich ähnlich ab. Ein einsamer Wanderer trifft eine seltsame Person. Diese entpuppt sich als irgendeine Art Gespenst. In der Folge flieht das Opfer schreiend, der Geist verschwindet oder irgendwer wird von irgendwas gefressen.

Dies bringt uns zur Gespenstersage des Shirime. Die Geschichte geht so: Ein Samurai läuft, nahe Kyoto, eines Nachts die Straße entlang. Plötzlich trifft er auf einen Mann in einem Kimono, der ihm den Weg versperrt und sagt: „Entschuldigen Sie … bitte nur einen Moment ihrer Zeit.“ Der Samurai wappnet sich misstrauisch für einen Angriff. Er antwortet: „Was willst du von mir?“ Plötzlich dreht sich der rätselhafte Mann ruckartig um, bückt sich, hebt seinen Kimono und streckt dem Samurai seinen nackten Hintern entgegen. In der Mitte ein Licht ausstrahlendes, großes Auge. Angsterfüllt schreit der Samurai und ergreift die Flucht. Ende der Geschichte.

By Yosa Buson (与謝蕪村, Japanese, *1716, †1784) – scanned from ISBN 4-5829-2057-8., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2221693

Die Moral dieser Sage soll jeder für sich entscheiden. Im Japanischen wird dem Shirime nachgesagt, dass er keine böse Absicht hegt und es einfach nur witzig findet Leute zu… nunja, verarschen. In dieser Funktion kommt er beispielsweise auch im Film „Pom Poko“ des berühmten japanischen Zeichentrickstudios „Ghibli“ vor. Wer jetzt denkt, dass er auch schon den ein oder anderen Arsch mit Augen getroffen hat, sollte aber nicht davon ausgehen, dass es sich dabei gleich um einen Shirime handelte. Denn wie die gängige Defintnion von Gespenst empfiehlt, können alle möglichen „furchterregenden spukenden Wesen“ Gespenster sein.

4. Heimreise

Wir sehen also, egal ob Hühner in England, Maultiere in Brasilien oder Hintern in Japan: Gespenster tauchen auf der Welt in den skurrilsten Formen und Farben auf. Es gäbe noch unzählige zu entdecken, wie ein gespenstischer haariger Zeh in den USA, Föten-Geister in Indonesien oder das „Hantu Tetek“ (dt.: Busen-Gespenst) aus Malaysia. Auch die ein oder andere heimische Wunderlichkeit haben wir hier im Blog mit spukenden Bauernhöfen, Fußballgeistern und verstorbenen Tübinger Studenten schon vorgestellt. Am Ende muss man eh gar nicht so weit schauen, um alberne Gespenster zu finden. Oder wer kennt nicht das Gespenst mit dem Bettlaken über dem Kopf?

Die buddhistische Haarrasur

Nach indischer Überlieferung tragen buddhistische Nonnen und Mönche ein gelbes und rötliches Mönchs­gewand und leben als Geistsucher von fleisch­loser Nahrung. Eines ihrer wichtigsten Er­ken­nungs­merk­male ist jedoch der kahl geschorene Schädel. Doch woher stammt die Tradition der Haarrasur? Welche Bedeutungen können Haare in der buddhistischen Weltanschauung einnehmen?

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Jeder hat sie bestimmt schon einmal in der Comicabteilung von Buchläden, oder in der Popkultur wahrgenommen. Die quietschbunten Charaktere aus Fernost, mit ihrer auffallend üppigen und skurrilen Haarpracht. Die Rede ist von den Figuren aus sogenannten japanischen „Manga“ und „Anime“, die schon seit Jahren auch im Westen sehr populär sind. Doch was steckt hinter den ausgefallenen Looks der Figuren? Und was verraten sie über die japanische Popkultur im Allgemeinen?

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Bei einer Szene im Film GF*BF rasiert ein Mädchen das Haar ihres Klassenkameraden

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