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Keine Zombie-Apokalypse, keine Aliens aus dem Weltraum – asiatische Horrorfilme bevorzugen es mit alltäglichen Dingen Alpträume zu verursachen. In diesem Longread werden drei klassische Filme aus verschiedenen Orten Asiens vorgestellt und erläutert, warum der Ursprung unserer Angst aus vertrauten Dingen entstehen kann. 

Ju-on: The Grudge 1 & 2 (Japan 2002, 2003)

Ju-on: The Grudge (2002)

Die Altenpflegerin Rika soll eines Tages ein Haus in Nerima, Tokyo, aufräumen und sich um eine alte Dame kümmern. Dort erlebt sie jedoch den Mord der alten Frau von einem hässlichen Geist und fällt in Ohnmacht. Nach und nach sterben viele ihrer Freunde aus ungewissen Gründen. Rika versucht eine Freundin zu retten, welche sich nach einem ihrer Schüler erkundigen will und deswegen sein Haus aufsucht. Jede Hilfe kommt jedoch zu spät. Auf der anderen Seite soll die Schauspielerin Kyoko als Moderatorin an einem TV-Programm über Mordhäuser teilnehmen. Nach und nach werden alle ihre Kollegen von einer blassen Frau umgebracht. Auch ihr Freund liegt eines Tages tot auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Aber die Schwangere wusste gar nicht, dass es noch etwas Schlimmeres auf sie wartete.

Ju-on (japanisch 呪怨) bedeutet Fluch aus Groll. In den beiden Filmen werden zahlreiche kurze Geschichten nichtlinear erzählt. Alle Opfer, die von dem grausamen Geist Takeo getötet werden, haben direkte Kontakte mit dem Mordhaus oder Familienmitgliedern sowie zu Freunden, die das Haus betreten haben. Das Mordhaus gehörte vorher einer dreiköpfigen Familie: dem Mann Takeo, seiner Ehefrau Kayako und ihrem Sohn Toshio. Kayako war ein schüchternes und ungeselliges Mädchen und verliebte sich in ihren Mitschüler Kobayashi in aller Heimlichkeit. Sie verfolgte ihn und schrieb alles über ihn in ein Tagebuch. Diese exzentrische Frau heiratete Takeo, nachdem Kobayashi eine andere ehemalige Mitschülerin heiratete. Sechs Jahre nach der Geburt von Toshio wünschte Takeo sich ein weiteres Kind, aber gleichzeitig erfuhr er, dass er wahrscheinlich unfruchtbar ist. Anschließend fand er das geheime Tagebuch von Kayako. Aus Wut tötete er seine Frau und seinen Sohn auf ungeheure und brutale Weise. Als er sich an der Kobayashi-Familie rächen will, erscheint der Geist von Kayako. 

Der Fluch der Kayako-Familie scheint wie ein Virus zu sein. Niemand kann sicher sein, nachdem er oder sie absichtlich oder unabsichtlich dem bösen Geist begegnet ist. Und die neuen Opfer werden auch zu neuen Tätern. Die unzufriedenen Geister tauchen schlagartig auf und überraschen ihre Opfer – ob vor der Wand, unter dem Bett oder hinter dem Rücken der Opfer. Was den Film jedoch noch furchteinflößender macht, ist die Präsentation der bekannten alltäglichen Umgebung in gruseliger Atmosphäre. Das Haus scheint nichts besonders zu sein, doch wenn man das schmale Treppenhaus, die enge Dachstube und den dunklen Wandschrank genau beobachtet, kommen dazwischen plötzlich blasse Gesichter mit blutroten Augen hervor. Eine ikonische Szene zeigt, wie ein Opfer versucht, sich aus Angst unter der Bettdecke zu verstecken… Der Ergebnis kann man sich vorstellen, es ist zu gruselig, um es hier zu erwähnen. Außerdem gibt es kaum Musik in den Szenen. Wie das Alltagsleben herrscht auf der Leinwand weißes Rauschen. Erst wenn die Zuschauer sich an die Stille gewöhnt haben, passiert das Ungewöhnliche ohne Warnung.

A Tale of Two Sisters (Korea 2003)

A Tale of Two Sisters (2003)

Su-mi und Su-yeon kehren nach einem langen Aufenthalt in einer Psychiatrie nach Hause zurück, wo ihr Vater und ihre Stiefmutter sie erwarten. Das erste Abendessen markiert die angespannte Beziehung zwischen den Schwestern und ihrer Stiefmutter. Die ältere Su-mi streitet sich ständig mit der neuen Frau ihres Vaters, die nach ihrer Ansicht das vorherige glückliche Leben der Familie zerstört hatte. Die jüngere und ängstliche Su-yeon hingegen, wird wegen Kleinigkeiten bestraft. Als sie den Käfig der Lieblingsvogels der Stiefmutter kaputt macht, muss sie zur Strafe in den Kleiderschrank. Dort erleidet das Mädchen einen Nervenzusammenbruch. Su-mi wendete sich verzweifelt an den Vater. Dieser antwortet jedoch nur, dass er nichts mehr von dem Kleiderschrank hören will. Gleichzeitig passieren ungewöhnliche Ereignisse in der Familie: Der Vater spricht immer öfter mit einer unbekannten Person über das Geschehen in der Familie am Telefon; ein weiblicher Geist hebt mitten in der Nacht die Bettdecke von Su-yeon auf; unter dem Geschirrspüler taucht das Gespenst von einem Mädchen auf; Su-mi träumt von dem Geist, der ihrer Mutter ähnelt…

Der Erfolg des Filmes lässt sich einerseits auf die unerwartete Handlung zurückführen, als man erfährt, dass die sogenannten Gespenster Illusionen von Su-mi sind, weil sie unter Schizophrenie leidet. Auch ihre jüngere Schwester und die Stiefmutter sind zwei Persönlichkeiten von ihr, denn sie erlebte den Selbstmord ihrer Mutter und den zufälligen Tod ihrer Schwester mit. Su-mi brach darunter zusammen.

Auf der anderen Seite gelingt es dem Film, die fiktiven und schrecklichen Vorstellungen mit dem wirklichen Alltag zu kombinieren. Der Kleiderschrank, in dem die Mutter in Wirklichkeit Selbstmord beging und von dem dem Su-yeon zufällig erschlagen wurde, ist ein normales Möbelstück in jedem Familienhaus. Unter dem Geschirrspüler, auf den man im Alltag kaum achtet, verbirgt sich das blasse Gespenst mit verzerrtem Gesicht. Unter der kuscheligen Bettdecke fühlt man sich nach diesem Film nicht mehr sicher. „A Tale of Two Sisters“ erzählt uns eine ungewöhnliche Familientragödie in einer für uns ganz gewöhnlichen Umgebung, in dem Haus einer normalen Familie.

A Wicked Ghost (Hong Kong 1999)

A Wicked Ghost (1999)

Vier Freunde von Ming spielen ein spirituelles Spiel, indem sie Wasser mit Blut trinken. So rufen sie einen weiblicher Geist herbei. Kurz darauf sterben alle Freunde nacheinander an plötzlichen und unerklärlichen Ereignissen: Herzinfarkt, Selbstmord… Nur Ming überlebt. Um sich zu retten, sammelt Ming zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Freund Mao alle Informationen über den bösen Geist. Gleichzeitig benutzt der Geist eine Freundin von Ming, um ihr mitzuteilen, dass sie nur noch drei Tage zu leben habe.

Der Film war der Alptraum zahlreicher Chinesen. Und plötzlich verwandelten sich alltägliche Gebrauchsgegenstände in Orte der Angst: sei es der Fahrstuhl, die Toilette oder das Haarewaschen… Der Geist war eine Schauspielerin der kantonesischen Oper (eine traditionelle Opera Chinas) und trägt stets das klassische blauen Kostüm. Man stellt sich unbewusst vor, wie die blassen Hände unter dem blauen Ärmel hervorkommen und an der Schulter berühren. In einer klassische Szene wird eine Frau von dem Geist auf dem Weg zu Toilette verfolgt. Die Zuschauer sehen wie der Geist so nah an ihr lehnt, dass fast kein Abstand zwischen ihnen ist. Die Frau merkt jedoch nichts außer einem kühlen Schauer. Nachdem man diese Szene gesehen hat, fällt es schwer noch unbeschwert zur Toilette zu gehen.

Sigmund Freud schreibt in seinem Essay Das Unheimliche, dass es nicht nur das Unvertraute, sondern zugleich das Vertraute sein kann, dass uns am Meisten gruselt. In den drei oben genannten Filmen versteckt sich das Unheimliche, die Geister und Gespenster, perfekt in dem uns Vertrauten. Die Zuschauer von Horrorfilmen gewöhnen sich vielleicht daran hässliche Geister auf der Leinwand zu sehen, diese asiatischen Filme lassen jedoch jeden Horror-Fan erschaudern – hinter allem Alltäglichen steckt das Unheimliche. Wer glaubt, dass solche Filme doch gar nicht so gruselig sind, der soll es einmal selbst ausprobieren und sich dem Grusel des Alltäglichen stellen. Ich habe vor drei Jahren „A Wicked Ghost“ gesehen und kann immer noch nicht meine Haare in schwachem Licht waschen.

Rechtschreibung kann im Alltag zu einem sehr streitbaren Thema werden (Stichwort „Grammar Nazis“). Doch was passiert, wenn plötzlich eine ganze Rechtschreibreform daherkommt? Dann wird der Alptraum zum Albtraum. In dieser Glosse geht es um rasanten Sprachwandel – und was dieser mit der Alb, Elfen und Paralleldimensionen zu tun hat.

Schweiß rinnt mir von der Stirn. Mein ganzer Körper zuckt unwillkürlich. Die Lider schreien nach dem erlösenden Augenaufschlag. Mein Puls explodiert und Adrenalin flutet meinen Körper. Plötzlich schreie ich. Ich bin wach.

Die Bilder dessen, was mich gerade heimgesucht hat, sind noch so klar vor meinen Augen, als hätten sie sich ich in meine Retina eingebrannt: saftige grüne Wiesen. Eine einzelne Kuh, die genüsslich ihr Frühstück zu sich nimmt. Ein Mann läuft in Ledertracht an mir vorbei und grüßt mich in einem Dialekt, den ich nicht verstehe. Ich hatte einen Albtraum.

Moment, was? Keine Monster oder bösen Geister, die mich des Schlafes berauben? Nö! Ich habe von der Alb geträumt. Das ist doch, worum es bei einem Albtraum geht, oder?

Alp, Alb, Aelf

Nein! AELF, nicht ALF!

Der Alp in „Alptraum“ beziehungsweise Alb in „Albtraum“ hat weder was mit den Alpen noch mit der Alb zu tun. Der Begriff teilt sich den altgermanischen Sprachstamm mit dem Wort „Elf“ (irgendwas zwischen „Aelb“ und „Aelf“) und bedeutet zunächst so viel wie „Nebelgestalt“. Später kristallisierte sich dann der Begriff „Alp“ heraus. Das Grimm’sche Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert schreibt über ihn:

Gewöhnlich wird von ihm erzählt, dasz er bei nächtlicher weile in den wohnungen der menschen erscheine, die schlafenden, träumenden reite und drücke, zumal ihre haare verwirre; aber auch thiere, namentlich pferde werden von ihm geritten (mythol. s. 493. 1194).

Ein Geisterwesen also, das sich nachts auf eine schlafende Person setzt und bei ihnen Angst und Panik – Alpträume – auslöst. Wenn die Schreibweise mit „p“ schon in einem so alten Wörterbuch auftritt, dann ist sie ja wohl eindeutig die bessere, oder?

„Das war schon immer so!“

BLARGH! Das Pokémon Alpollo. Via GIPHY.

Ich kann mich noch genau erinnern: Früher hat mein Grundschullehrer Herr Dieterle uns immer wieder die korrekte Schreibweise von unzähligen Wörtern eingebläut. Nicht „kucken“, sondern „gucken“; nicht „reperieren“, sondern „reparieren“; und „Alptraum“ statt „Albtraum“. Kinderleicht! Sogar das Videospiel Pokémon macht das richtig: Dort gibt es ein Geisterpokémon, das sich von Träumen ernährt und nicht von Bergkäse und Spätzle. Darum heißt es auch zu recht Alpollo. Wenn selbst ein Spiel das schafft, dann werden das doch auch die Autoren von Spiegel-Online und Co. hinkriegen, oder? Es gab mal eine Zeit, da durfte das Wort auch tatsächlich nur mit „p“ geschrieben werden. Doch dann der Verrat: die 1998 in Kraft getretene Rechtschreibreform erlaubte plötzlich den „Albtraum“. Diese Variante empfiehlt der Duden heute sogar:

Mein Duden, mein Duden, warum hast Du mich verlassen?

Änderungen wie diese der 90er-Jahre-Sprach-Schnipsler wurden damals heftigst kritisiert. Autoren, Schriftsteller und Intellektuelle stellten sich eisern gegen die neuen Regeln und taten in der sogenannten „Frankfurter Erklärung“ 1996 ihren Unmut kund. Die Frage, ob eine solche Reform überhaupt rechtmäßig sei, wurde letztlich sogar vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Schnell wurde klar: Ein Kompromiss musste her. Der „Albtraum“ begann. Und wozu? Schüler machen nach der Reform sogar mehr Rechtschreibfehler als davor.

Aber wer steckt dahinter? Wer hat in dem ganzen Ringen um die korrekte Rechtschreibung die „Alb“ in den „Traum“ gebracht? Fanatische Verehrer der fränkischen und schwäbischen Lebensführung? Der Schwäbische Alb Tourismusverband e.V.? Oder vielleicht sogar das Land Albanien?

Eindeutig ein Mandela-Effekt!

Die Antwort auf diese Frage liegt natürlich in Paralleldimensionen! Das Zustandekommen der Schreibart „Albtraum“ lässt sich nur durch den sogenannten Mandela-Effekt logisch erklären. Doch was ist der Mandela-Effekt? Das lässt sich am besten mit dem namensgebenden Beispiel erklären:

Nelson Mandala (*1918; †1980er)

Die Bloggerin Fiona Broome merkte 2010, dass Nelson Mandela noch am Leben war. Das verwunderte die Dame allerdings sehr. Denn sie dachte, dass der berühmte Südafrikaner schon in den 80er Jahren im Gefängnis gestorben sei. Mithilfe des Internets fand sie heraus, dass sie nicht die einzige war, die sich noch genau an dessen angeblichen Tod, inklusive umfangreicher medialer Berichterstattung, erinnern konnte. Die kollektiv gefundene Erklärung: alternative Realitäten – was auch sonst! Aus diesen Paralleldimensionen schwappen ab und zu Erinnerungen von alternativen Ichs in das Ich aus dieser Realität – panta rhei und so. So viele Menschen können sich ja nicht einfach nur falsch erinnern …

Ein anderes prominentes Beispiel sind die „Berenstain Bears“, eine beliebte Kinderbuchreihe aus Amerika. Doch viele sind davon überzeugt, dass die Bären in ihrer Kindheit eigentlich „Berenstein Bears“ hießen. Die Schreibweise mit dem „a“ sei das Ergebnis eines Mandela-Effekts. Auch ich bin davon überzeugt: Die Schreibweise „Albtraum“ stammt genau wie bei den Berenstein Bears aus einer anderen Dimension! Während der Verhandlungen um die neue Rechtschreibung ist sie in unsere Realität geschwappt.

Sigmar, Colmar, Nachtmahr

Verrückt – das sind immer die anderen! Ihr werdet mich mit eurer extraterrestrischen Spinnerei nicht überzeugen. Es heißt „Alptraum“! Alles andere ist vollkommen apsurd. Da kann man mir noch so sehr mit Sprachwissenschaft, Lautverschleifungen/-parallelisierungen oder dem Duden kommen. Wer das Wort mit „b“ schreibt, dem hat sich ein Nachtalp wohl auf den Kopf statt auf die Brust gesetzt.

Vielleicht sollten wir  statt „Alptraum“ einfach wieder von „Nachtmahr“ sprechen. Wobei … auch nicht unbedingt die beste Idee, wenn man sieht, wofür der Begriff heute benutzt wird …