Der verstorbene Ehemann geistert durch das Schlafzimmer, Kinderschreie ertönen aus dem Keller, Gegenstände bewegen sich wie von Geisterhand: Spuk-Forscherin Sarah Pohl ist diesen abnormen Vorkommnissen auf der Spur. Vieles kann rasch rational erklärt werden – doch immer wieder stößt die Parapsychologin an die Grenzen des Erklärbaren. Ein Besuch in Freiburg.

Die alte Dame ist außer sich. Dort in dem Fernsehsessel habe ihr Ehemann gesessen, beharrt sie und deutet auf den leeren Platz. Er habe auf sie gewartet und sie angestarrt. Der Polizist, der sich ihre Geschichte geduldig anhört, weiß bald nicht mehr weiter. Denn der Ehemann der Seniorin ist vor wenigen Tagen verstorben. Soll er die Frau in eine psychiatrische Ambulanz bringen? Dann beschließt er, sich woanders Rat zu suchen.

Er wählt die Nummer der „Parapsychologischen Beratungsstelle“ in Freiburg. Sarah Pohl und ihre Kolleg*innen kennen solche Geschichten. Die griechische Vorsilbe „para“ (dt.: neben) deutet es schon an: Die Parapsychologie beschäftigt sich mit abseitigen und abnormen Vorkommnissen. Jeden Tag helfen die Berater*innen, eigentlich klassische Psycholog*innen oder Sozialpädagog*innen, Menschen, die von Begegnungen mit Verstorbenen oder unerklärlichem Gepolter berichten. Es ist deutschlandweit die einzige Anlaufstelle für Spukgeplagte – und wird sogar vom Land Baden-Württemberg bezuschusst.

„Mir ist da etwas Seltsames passiert“

Sarah Pohl, eine junge Frau mit blondem Haar und schwarzem Sweatshirt, nimmt die Besucher*innen in ihrem kleinen Büro in Empfang. Von der holzvertäfelten Wand blicken Hans Bender und Max Dessoir, die Urväter der Spukforschung, auf leicht vergilbten, schwarz-weißen Fotografien herab. Aktenordner und Bücher stapeln sich rings um den massiven Schreibtisch auf dem Parkettboden, in der Ecke steht ein alter Commodore C64 Computer. Pohl begann sich schon als Abiturientin dafür zu interessieren, Paranormales wissenschaftlich zu untersuchen. Nach der Promotion in Pädagogik folgte ein Praktikum in der Freiburger Beratungsstelle, nun arbeitet sie seit drei Jahren dort, 20 Stunden pro Woche.

„Spuk hat immer eine Botschaft“: Sarah Pohl, Mitarbeiterin in der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg (Foto: Parapsychologische Beratungsstelle)

„Wir schenken den Geschichten erst einmal Glauben und hören einfach zu.“

Über 3.000 Menschen rufen die 32 Jahre alte Frau und ihre beiden Kolleginnen pro Jahr an und berichten allerlei Absonderliches: Sie erzählen von Verstorbenen, die ihnen begegnen, von Kinderstimmen, die aus dem Keller dringen oder von lautem Poltern in der Decke, das einen nicht einschlafen lässt. Oftmals beginnen die Anrufe mit Sätzen wie: „Ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin. Mir ist da etwas Seltsames passiert.“

Manche kommen auch persönlich vorbei und legen teilweise Hunderte von Kilometern zurück, um endlich handfeste Erklärungen für das Unbegreifliche zu bekommen. Und der Ort könnte nicht passender sein: Die herrschaftliche Gründerzeitvilla, in der die Klient*innen dann in düsteren Büros auf schweren Ledersesseln Platz nehmen, würde sich auch als Kulisse für einen Horrorfilm eignen. Lampen tauchen die  Räume, die selbst tagsüber dunkel sind, in gelbes Licht. In den Ecken stehen verstaubte Büsten – und ein schwarzes Spukschloss aus Karton. 

Von Mitmenschen ignoriert, belächelt und teilweise für psychisch krank erklärt: Viele Klienten  haben eine lange Odyssee hinter sich, bevor sie den Mut fassen, sich an die Beratungsstelle zu wenden. Hinter den wuchtigen Wänden der Villa nehmen Sarah Pohl und ihre Kolleginnen die Ratsuchenden ernst. „Wir schenken den Geschichten erst einmal Glauben und hören einfach zu.“ Und das kostenlos.

Botschaften von Roy Black aus dem Jenseits?

Nicht jeder, der von Stimmen aus dem Teekessel oder von dunklen, schemenhaften Gestalten berichte, die nachts am Fußende des Bettes auftauchen, sei verrückt, sagt Pädagogin Pohl. Sie glaubt, dass die Beratungsstelle dem Gesundheitssystem hohe Kosten erspare. „Natürlich kann hinter solchen Erscheinungen immer auch eine psychische Krankheit stecken. Doch nicht jeder, der zum Beispiel Stimmen hört, ist auch wirklich krank und braucht ein teure Therapie.“

Letzte Hoffnung für Spukgeplagte: Die „Parapsychologische Beratungsstelle“ in dieser Freiburger Gründerzeitvilla (Foto: Parapsychologische Beratungsstelle)

Auch die alte Dame, die ihren verstorbenen Ehemann im Sessel sitzen sah, litt wohl nicht unter einer Psychose. Die Expert*innen vermuteten, dass das Gehirn der Seniorin einen Streich gespielt habe. Fehlende Informationen im bereits bekannten Kontext werden kognitiv automatisch ersetzt. Im Alltag passiere uns das öfters, erklärt Pohl. Die fehlende Information war in diesem Fall der Ehemann im Sessel, in dem die Seniorin ihn hatte jahrzehntelang  sitzen sehen und der nach dessen Tod nun plötzlich leer war.

Ähnlich simpel war die Lösung des Rätsels um eine Schlagerkassette, die eine andere Seniorin in Angst und Schrecken versetzte. Angeblich soll sie immer wieder unverständliche Botschaften des Schlagersängers Roy Black aus dem Jenseits übertragen haben. Die verzweifelte Frau ging zum Psychiater und bekam Medikamente gegen Halluzinationen. Doch die Stimmen waren noch immer da. Schließlich wandte sie sich an die Beratungsstelle. Dort untersuchte Pohl die Kassette.

Die Grenzen des Erklärbaren

Nach ein paar Minuten war der Fall geklärt: Das Tonband drehte sich immer wieder um 180 Grad und spielte die falsche Seite rückwärts ab. „Vielen Anrufern hilft es auch schon, wenn ihnen nur einmal jemand vorurteilsfrei zuhört, wenn sie überhaupt jemanden haben, mit dem sie sprechen können.“ Eines der größten Gespenster sei immer noch die Einsamkeit, meint Sarah Pohl.

„Zu glauben, es existierten nur Dinge, die man erklären könne, ist schlicht falsch.“

Erst wenn natürliche Ursachen ausgeschlossen sind,  stoßen die Forscher tatsächlich an die Grenzen des Erklärbaren. Dann zieht Pohl auch etwas anderes in Betracht: einen klassischen Spuk. Wie im dramatischen Fall einer Familie aus Baden. Erst klapperten in der familieneigenen Gastwirtschaft nur Türen. Dann wollten Haustiere die Wirtschaft nicht mehr betreten, und das Baby eines befreundeten Paares begann immer fürchterlich zu schreien, wenn es in das Haus kam. Schließlich schilderten die Wirtsleute Schauerliches: Bierfässer sollen durch den Keller gerollt und ein Küchenmesser an der Hausherrin vorbeigeflogen und schließlich neben ihr in der Wand steckengeblieben sein. Das verzweifelte Ehepaar, das die Wirtschaft schon verkaufen und wegziehen wollte, wandte sich an Sarah Pohl. 

Parapsychologie wird oft nicht ernstgenommen

Die Spuk-Detektiv*innen aus Freiburg begannen mit ihrer Ermittlungsarbeit. Treiben Geister ihr Unwesen in dem Gasthaus? „Natürlich nicht“, sagt Pohl sofort. Gespenster, Dämonen, Stimmen aus dem Jenseits –  die gibt es ganz sicher nicht. Die Erklärung für Spuk sei vielmehr eine psychologische. Bald fanden die Freiburger Forscher heraus, dass sich diese paranormalen Vorfälle immer dann ereigneten, wenn der Ehemann der Wirtin außer Haus war. Er ging tagsüber einem Job im Nachbarort nach, anstatt seiner Frau in der Wirtschaft zu helfen.

„Wir schenken den Menschen erstmal glauben und hören zu“: Sarah Pohl bei der Arbeit (Foto: Parapsychologische Beratungsstelle)

Das war der entscheidende Hinweis: Die Parapsycholog*innen vermuteten nun, dass die Wirtin selbst – unbewusst – die Fässer rollen und das Messer fliegen ließ. „Es war quasi ein Ventil, um ihren Frust darüber, dass ihr Mann nicht da war, zu kanalisieren“, sagt Sarah Pohl. Die Theorie der Forscher*innen: Spuk funktioniere ähnlich wie eine psychosomatische Störung. Wenn Menschen gestresst sind oder ein ungelöstes Problem haben, dann manifestiere sich das häufig in körperlichen Symptomen, etwa Bauchschmerzen oder Schweißausbrüchen. Sarah Pohl sagt: „Bei Spuk zeigt sich dieses Problem dann aber nicht als Störung des eigenen Körpers, sondern äußert sich außerhalb des Körpers, in der Umgebung.“ Etwa durch das Bewegen von Gegenständen durch Gedankenkraft, der Psychokinese. Damit mache eine Person sein Umfeld unbewusst auf ein seelisches Problem aufmerksam.

„Spuk wird in Filmen immer als destruktiv dargestellt. Wir glauben: Er ist eher protektiv.“

Die Psyche lässt Messer fliegen und Fässer rollen? Freilich ist diese Theorie unbewiesen. Das haben Psi-Phänomene so an sich. Unter dem 23. Buchstaben des griechischen Alphabets werden alle Phänomene zusammengefasst, die sich nicht mit wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten erklären lassen. Ein Grund, warum die Parapsychologie in der Scientific Community eher als Scharlatanerie denn als ernstzunehmende Wissenschaft behandelt und Parapsycholog*innen oft belächelt werden. Mittlerweile wachse das Interesse an den Theorien aber, sagt Pohl. Etwa 100 Vorträge halten die Freiburger Forscher und der Leiter der Beratungsstelle, Walter von Lucadou, inzwischen pro Jahr – an Schulen, Universitäten und in Kliniken.

Spuk als Alarmsignal des Körpers

Für Skeptiker*innen bleibt Spuk aber Betrug, Zufall oder schlicht die Einbildung eines psychisch Kranken. Psi lässt sich eben nicht empirisch nachweisen, auch wenn es viele renommierte Universitäten wie Princeton versucht haben. In den dortigen Kellerräumen gingen Forscher*innen jahrelang der Frage nach, ob ein Mensch qua Gedankenkraft eine Maschine steuern könne. Gelungen ist es bislang nicht.  Ein Spuk lässt sich kaum ins Labor holen. 

Das führt zu der paradoxen Situation, dass Pohl eine Wissenschaftlerin ist, deren Forschungsgegenstand sich nicht wissenschaftlich erklären lässt. Wurmt sie das? „Überhaupt nicht,“ sagt sie und lacht. „Zu glauben, es existierten nur Dinge, die man erklären könne, ist schlicht falsch.“ Der Mensch neige aber dazu, eher den Dingen zu glauben, die in sein Weltbild passen, und blende gern alles aus, was dem entgegenstehe.

Parapsychologin Pohl ist überzeugt: Spuk existiert und er ist ein Alarmsignal des Körpers – und damit eigentlich etwas Positives. „Spuk wird in Filmen immer als destruktiv dargestellt. Wir glauben: Er ist eher protektiv.“ Im mysteriösen Fall des Gasthauses, in dem angeblich Messer durch die Luft flogen, nahm der Gastwirt das Alarmsignal ernst: Er kündigte seinen Job im Nachbardorf, um seiner überlasteten Frau zu helfen. Fortan ging kein Mobiliar mehr zu Bruch. Das sei das Gute an einem Spuk, sagt Sarah Pohl: „Sobald das seelische Problem gelöst ist, hört er auf.“

2 Kommentare
  1. Hannah V.
    Hannah V. sagte:

    Mir hat dein Beitrag sehr gefallen! Er stellt eine gute Balance aus szenischen sowie informativen Elementen dar und lässt keine Fragen offen. Es hat sich gelohnt, dass du extra nach Freiburg gefahren bist 🙂

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  2. chrissi
    chrissi sagte:

    Es ist immer wieder erstaunlich, welche Macht die menschliche Psyche haben kann. Nicht jeder, dem etwas unerklärliches geschieht oder der etwas unerklärliches hört ist automatisch psychisch krank. Das hast du gut mit deinem Beitrag illustriert und ich finde es super interessant, einmal die Sichtweise einer Expertin zu dem Thema zu erfahren!

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