Das Umstyling bei Germany’s Next Topmodel ist seit 13 Staffeln das große Event. Denn diese Folge verspricht jedes Jahr Schere, Tränen und Drama. Dabei bekommen alle Kandidatinnen ein Makeover von „Model-Mama“ Heidi Klum, ob sie wollen oder nicht. Warum fließen dabei so viele Tränen? Weil bei diesem Element der Castingshow sichtbar wird, dass „die Mädchen“ ihre Selbstbestimmung aufgeben müssen, um in der Show erfolgreich zu sein.

Die Kandidatinnen sitzen in bequemen Friseurstühlen, die Promi-Friseure stehen in den Startlöchern und die Luxus-Haarprodukte sind vorbereitet. Eigentlich ein Traum für jedes Mädchen. Wären die Spiegel nicht mit Stoffen abgedeckt und würden die Models wissen, was mit ihren Haaren geschieht und ob sie damit einverstanden sind. Bevor überhaupt der erste Schnitt gesetzt ist, kullern hier schon dicke Krokodilstränen. Aber wieso eigentlich? Es sind doch nur Haare!

Klum bricht Gina-Lisa Lohfinks Selbstinszenierung. Wie Frankenstein flickt sie sich ihre Models neu und „model-konform“ zusammen.

Es sind eben doch nicht ‚nur‘ Haare

In seinem Buch Psychologie des ersten Eindrucks: Die Sprache der Haare erklärt der Sozialpsychologe Reinhold Bergler, dass man Haare zur Selbstinszenierung einsetzt. Damit befriedige man sein Selbstbild und man würde der Außenwelt ein positives Bild von sich zeigen wollen. Auch die Psychologin Lisa Voigt bestätigt das: „Einige Frauen sehen sich womöglich in ihrer Weiblichkeit regelrecht beschnitten, fühlen sich dadurch weniger attraktiv und begehrenswert. […]. Zudem nimmt frau eine radikale Typveränderung als schwer vereinbar mit der eigenen Persönlichkeit wahr.“

Dass Gina-Lisa Lohfinks Tränen beim Makeover in Staffel 3 kullern, ist vor diesem Aspekt sehr gut nachvollziehbar. In diesem Moment wird ihr etwas von ihrer Selbstinszenierung und ihrer Identität genommen. Sie wird unsicher, da ihre Haare ihr davor Sicherheit gegeben haben und sie sich durch sie inszeniert hat. Ihr Selbstbild und ihre Identität fangen an, unfreiwillig zu zerbrechen, und müssen mit der neuen Frisur erst wiederaufgebaut werden. Es sind eben doch nicht ‚nur‘ Haare. Man kann noch einen Schritt weiter gehen: Heidi Klum nimmt den Kandidatinnen einen Teil ihres Selbstbildes. Sie bricht ihre Selbstinszenierung, um sie neu aufzubauen und ihrer Meinung nach „model-konform“ zu inszenieren.

 Zuschauer und Produzenten lechzen nach dem großen, inszenierten Event.

Eine gezielte Provokation

Neben dem psychologischen Aspekt kommt hinzu, dass bei einer Casting-Show wie Germany’s Next Topmodel selbstverständlich viele Geschichten gescriptet sind. Die Macher der Show provozieren gezielt Drama. Denn sie sind sich bewusst, unter welchem Stress die Mädchen stehen. Diese sind nämlich teilweise noch sehr jung und das erste Mal für eine längere Zeit weit weg von ihrer Familie und zu Hause. Sie sehen sich außerdem täglich neuen Herausforderungen ausgeliefert und stehen unter dem Druck, sich gut zu präsentieren. Beim Umstyling müssen sie die Entscheidung über ihre Frisur und ihr Aussehen anderen Menschen überlassen, ohne zu wissen, welche Frisur sie bekommen. Sie können den Prozess nicht verfolgen (die Spiegel sind abgehängt), geschweige denn ein Veto einlegen.

Damit inszeniert Heidi Klum in voller Breite ihre Macht. Obwohl das unfreiwillige Abschneiden von Haaren rein gesetzlich gesehen an Körperverletzung grenzt, hilft es der „Model-Mama“ dabei, ihre Macht über die Mädchen und die Show zu demonstrieren. Die allmächtige Heidi Klum – nicht umsonst lautet der Untertitel von Germany’s Next Topmodel: „by Heidi Klum“. Passender wäre nur „Dauerwerbesendung für Heidi Klum“, mehr PR geht kaum. Heidi sät das Drama bewusst.

Der Friseurbesuch als Albtraum

Natürlich streuen die Macher zusätzlich bei den sensiblen Kandidatinnen mit sticheligen Fragen Salz in die Wunde, sodass sie vor laufender Kamera weinen, fluchen und zicken. Als wäre das unfreiwillig gebrochene Selbstbild und die bröckelnde Sicherheit nicht genug, inszenieren die Macher der Show den Friseurbesuch als Albtraum.

Und sind wir mal ganz ehrlich: Ist dieses Drama nicht genau das, wofür sich jedes Jahr so viele Zuschauer*innen vor den Fernseher setzen und die Sendung anschalten? Im Jahr 2014 entschieden sich die Macher beispielsweise dafür, die Frisuren mit den Kandidatinnen am Abend vor ihrem großen Umstyling zu besprechen. Durch die fehlende „Friseur – Besuch – Albtraum“-Inszenierung flossen weniger Tränen, da die Kandidatinnen sich ungefähr auf das Makeover einstellen konnten. In allen darauffolgenden Jahren verzichteten die Macher wieder auf die Vorbesprechung. Denn ohne Inszenierung bieten sie zu wenig Drama und damit zu wenig Unterhaltung für den Zuschauer.

„Aber ich bin keine Puppe! […] Ich will wissen, was passiert! […] Ich bekomm‘ nicht mal Geld dafür, es ist nicht mal ein Job!“ Larissa Marolt versucht, Persönlichkeit zu zeigen. Dafür empfinden sie die anderen Kandidatinnen als zickig. Natürlich stellt die allmächtige Heidi ihr ein Ultimatum: ab auf den Friseur-Stuhl oder ab nach Hause. 

„[…] aus den noch unscheinbaren Kandidatinnen [sollen] dank neuer Frisur Models werden“ 

Heidi hüpft durch den Friseursalon, von Kandidatin zu Kandidatin, und säuselt immer wieder lächelnd in die Kamera: „Wir wollen nur das Beste für die Mädchen. […]. Jetzt sind sie edgy, richtige Typen.“ Aus unscheinbaren Kandidatinnen sollen durch die neuen Frisuren Models werden. Die gleiche Rechtfertigung bekommen wir schon seit 13 Jahren vorgesetzt, sodass wir sie einfach unhinterfragt glauben. Ist es denn wirklich das Beste für die Kandidatinnen, die Selbstbestimmung abzugeben und einfach das zu machen, zu dem einen Heidi Klum drängt? Für Mädchen, die Lust auf das Umstyling und eine radikale Typveränderung haben, ist das kein Problem. Nur was, wenn manche Mädchen das gar nicht wollen. Klar, sie können wieder nach Hause fahren und aufhören. Aber wenn sie weiterhin Teil der Show und damit ihrem Topmodel-Traum hinterhereifern wollen, müssen sie auch gegen ihren Willen mit sich machen lassen, was andere für sie für richtig halten. Das Makeover spiegelt wider, wie sehr sie „Heidis Mädchen“ sind. Sie verlieren ihre Macht über ihre Haare und somit auch ihre Selbstbestimmung.

Selbst in den Kommentaren – Überheblichkeit: „[…] langsam müssten sie es wissen!“

„Die sollten doch wissen, worauf sie sich einlassen!“

Viele, die diese These hören, antworten: „Die Show läuft jetzt schon 13 Jahre. Die sollten doch wissen, worauf sie sich einlassen!“ Klar weiß man, worauf man sich einlässt und dass das Umstyling kommen wird. Aber legitimiert dies den Verlust der Selbstbestimmung der Mädchen, um erfolgreich zu sein? Rechtfertigt dies, dass man unreflektiert alles tun muss, was einem gesagt wird, um erfolgreich zu sein?

Mal ganz abgesehen davon, ob man durch diese Show überhaupt erfolgreich Model werden kann oder nicht, gibt es für manch junges Mädchen mit diesem Traum keinen anderen Weg als die Show. Sie müssen ohne Selbstbestimmung nach Heidis Pfeife tanzen, mit sich und ihren Haaren machen lassen, was Heidi und die Macher der Show wollen oder nach Hause gehen. Entweder sie fügen sich und werden eventuell erfolgreich oder sie sind selbstbestimmt, gehen nach Hause und sind von Heidi gebrandmarkt. #Heidismarionette wäre treffender als #Heidisgirl. Sie macht aus den Kandidatinnen Püppchen, mit denen sie tut, was sie will, und objektifiziert sie dadurch. Um in der Berufswelt erfolgreich zu sein, egal ob im Model-Business oder nicht, ist dies eher kontraproduktiv. Vor allem für den anhaltenden Kampf um die Gleichberechtigung der Frau sogar sehr kontraproduktiv.

Natürlich wäre die Show nicht so erfolgreich, wenn es heißen würde „Wir stylen euch um und ihr sollt einverstanden sein“ – wo bleibt denn da das Drama? Keine Träne würde hier vergossen werden. Die Frage ist nur: Wird GNTM mit dem Bewusstsein über die Aufgabe der Selbstbestimmung reflektiert rezipiert? Miriam Stehlings Arbeit zeigt, dass viele Zuschauer*innen sexisitische Aufforderungen reflektiert rezipieren. Dennoch bekommt man zum Thema Zwangsumstyling immer noch die gleiche Antwort: „Die sollten doch wissen, worauf sie sich einlassen!“

Selbstbestimmung – Yes we can!

Übertragen wir die Aufgabe der Selbstbestimmung über die eigenen Haare auf andere Lebensbereiche, wäre es sehr gefährlich, diese Selbstbestimmung abzugeben.

Natürlich handelt es sich hier nur um eine Casting-Show und nicht um die Realität. Aber rufen wir uns mal das Medienwissenschafts-Mantra ins Gedächtnis: „Was machen die Menschen mit den Medien? Und was machen die Medien mit den Menschen?“ Daraus wird klar, dass die unreflektierte Rezeption der Show zu einer Verinnerlichung und Übertragung folgender Einstellung führt: „Wenn man mitmachen will, muss man sich fügen und sich selbst aufgeben; vor allem, wenn man davor schon weiß, dass man sich fügen muss.“

Kurz gesagt beeinflusst die Rezeption der Show unsere Gesellschaft und unsere Gesellschaft beeinflusst die Show. Auch wenn es nur um etwas so ‚Banales‘ wie Haare geht, verdeutlicht dies, dass Haare Ausdrucksmittel der eigenen Identität und Selbstbestimmung sind.

Also lasst euch zum einen nicht eure Selbstbestimmung nehmen und euch objektifizieren, weder beim GNTM-Umstyling noch im echten Leben. Und lasst uns beim Zuschauen diese Mechanismen kritisch betrachten und reflektieren.

 

 

Quellen:

Mehr zu selbstbestimmten Frauenkörpern…

5 Kommentare
  1. NathalieVerena
    NathalieVerena sagte:

    Ein wunderbar geschriebener Beitrag! Wer hat als 13 Jährige nicht GNTM geschaut? Und auch ich habe mich auf die Umstyling Folge gefreut – heute frage ich mich warum. Dass die Message der Show höchst fraglich ist und die Rolle der Frauen darin aufs Äußere reduziert wird, steht außer Frage. Du hast gezeigt, wie wichtig es ist sein Aussehen selbst zu bestimmen, gerade wenn man noch nicht einmal die Pubertät hinter sich hat. Selbstbestimmung – Yes we can! 😉

    Antworten
    • ananas
      ananas sagte:

      Dankeschön für das positive Feedback. Klar, auch ich habe das früher gerne geschaut, bis ich mal genauer darüber nachgedacht habe. Und du hast vollkommen Recht, gerade, wenn man so jung ist, ist man noch sehr beeinflussbar. Deshalb: Selbstbestimmung – Yes we can! 🙂

  2. chrissi
    chrissi sagte:

    Ich muss gestehen, dass ich auch zu der Sorte „die wissen doch was kommt“ gehört habe. Dein Beitrag hat mir aber echt zu denken gegeben und ich muss dir sogar zustimmen. Noch absurder wird es ja, wenn man bedenkt, dass Heidi selbst schon seit Anfang ihrer Karriere die (fast) gleiche Frisur trägt. In der Sendung wird dann aber die Veränderung hoch gepriesen.. Also vielen Dank für diesen Beitrag!

    Antworten
    • ananas
      ananas sagte:

      Vielen lieben Dank für das positive Feedback. Freut mich, dass mein Beitrag zum Nachdenken angeregt hat. Und du hast total Recht! Heidi darf ihre Frisur über die ganzen Jahre immer (fast) gleich behalten…

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] bestes adaptiertes Drehbuch den Oscar erhielt – definitiv ein Argument für den Film. Und ja, Heidi Klum hat in „Über kurz oder lang“ eine kleine Nebenrolle. Das tut aber nichts zur […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.