Sind Wikipedia-Autoren Helden?

Es gibt Dinge, die nutzen wir jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, wer sie für uns bereitstellt. Die Wikipedia gehört auch dazu. Wer sind die Menschen hinter den Kulissen des größten Online-Lexikons? Und: Kann man Wikipedia-Autoren als Helden bezeichnet? Jan hat vier Wikipedianer aus Tübingen interviewt.

Es gibt Dinge, die nutzen wir jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, wo sie eigentlich herkommen und wer sie für uns bereitstellt. Die Post, die uns jeden Morgen in den Briefkasten flattert. Die Müllabfuhr, die pünktlich jede Woche unsere Abfälle abholt, sortiert nach Papier, Plastik, Bio, Rest. Der Strom, der 24 Stunden am Tag aus den Steckdosen fließt und unsere Smartphones lädt. Der Bäcker, der uns die Lieblingsbreze backt.

Die Wikipedia ist eines dieser Dinge. 2001 gegründet, war ihre Ursprungsidee revolutionär: ein freies und kostenloses Lexikon, welches das Wissen der Menschheit versammelt – und von Ehrenamtlichen erstellt wird. Ein Affront auch gegenüber den etablierten Lexikonverlagen: Brockhaus, Encyclopedia Britannica, Meyer: Sie alle haben nicht an den Erfolg der Wikipedia geglaubt. Sie alle gibt es heute nicht mehr.

Sind Wikipedia-Autoren Helden?

Die Wikipedia gibt es immer noch. Als eine der beliebtesten Websites der Welt vereint sie nach eigenen Angaben fast 40 Millionen Artikel in knapp 300 Sprachen. Die deutschsprachige Wikipedia ist die drittgrößte, mit 2,1 Millionen Artikeln, mehr, als sie jedes gedruckte Lexikon je hatte. Wer sind die Menschen hinter diesen Artikeln? Sind es minderjährige Schüler, die auf Wikipedia irgendetwas schreiben, was sie sich ausgedacht haben? Oder handelt es sich tatsächlich um ernstzunehmende Autoren, die mit ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht nur ihren eigenen Wissensdurst stillen, sondern auch dazu beitragen, dass der Wissensschatz der Menschheit allen Bewohnern dieses Planeten frei zugänglich gemacht wird? Ist man ein Held, wenn man für Wikipedia schreibt?

Für diesen Longread wurden 14 Wikipedia-Autoren angefragt, die auf ihren Wikipedia-Benutzerseiten angegeben haben, aus Tübingen zu stammen. Einige treten nur unter Pseudonym auf, wie Hantanplan und Stroehli, andere verwenden ihren Klarnamen auch als Benutzernamen wie Joachim Mohr und Tilman Berger. Vier der angefragten Tübinger Wikipedianer finden sich nun hier dokumentiert. Dass sich unter diesen Personen fast ausschließlich Männer befinden, ist kein Zufall: die letzten Zahlen stammen zwar aus dem Jahr 2005, aber bis heute ist davon auszugehen, dass die übergroße Mehrheit der Wikipedia-Autoren Männer sind.

Die Interviews dauerten zwischen 45 Minuten und drei Stunden und fanden Anfang/Mitte Juni in Tübingen statt. Sie alle haben ganz unterschiedliche Geschichten zu erzählen, die sie mit dem Online-Lexikon erlebt haben. Sie alle bezeichnen sich nicht als „Helden“, doch genau das ist typisch für solche Menschen: Auf Ruhm sind sie nicht aus. Trotzdem erkennt man in der Zusammenschau einige Gemeinsamkeiten, nach denen dieser Longread in vier Kapitel gegliedert ist: Wikipedia-Autoren, auch Wikipedianer genannt, sind Helden, weil sie eine Aufgabe übernehmen, die sonst keiner übernimmt, weil sie mit Liebe zum Detail arbeiten, weil sie sich gegen den akademischen Mainstream stellen und weil sie sich in politisch aufgeheizten Zeiten um einen neutralen Standpunkt bemühen.

Die Protagonisten


 


Kapitel 1: Wikipedianer sind Helden, weil sie eine Aufgabe übernehmen, die sonst keiner übernimmt

Die deutschsprachige Wikipedia zählt knapp drei Millionen angemeldete Benutzer. Eine beachtliche Zahl, doch nur knapp über 18.000 von ihnen waren in den letzten 30 Tagen aktiv. Es existieren also über zwei Millionen „Karteileichen“ in der Wikipedia, und zu seiner Schande muss der Autor dieser Zeilen eingestehen, dass er selbst eine solche ist.

Jeder könnte für die Wikipedia schreiben, aber praktisch tut es kaum jemand. Jeder hält es für selbstverständlich, dass es zu fast jedem Stichwort einen Wikipedia-Eintrag gibt, aber kaum jemand trägt dazu bei, dass diese Selbstverständlichkeit erhalten bleibt. Ohne ihre ehrenamtlichen Autoren jedoch wäre die Wikipedia nicht möglich. Was also ist die Motivation für unsere Tübinger Wikipedianer, sich für freies Wissen zu engagieren? Warum übernehmen sie eine gesellschaftliche Aufgabe, die sonst niemand übernehmen will?

NearEMPTiness: „Die höhere Kunst des Wikipedia-Autors“ (ausklappen)

„Andere lösen Kreuzworträtsel, ich schreibe Wikipedia-Artikel“, antwortet NearEMPTiness, wenn man ihn fragt, warum er für Wikipedia aktiv ist. Für ihn ist das nichts Besonderes: „Wenn man etwas aufschreibt, behält man es auch besser“. Seine Tätigkeit für das Online-Lexikon sieht er als Dienst an der Community, als Engagement für das freie Wissen. Er ist stolz darauf, „kurze Artikel von hoher Qualität zu erstellen, die jemandem, der sich für dieses Thema interessiert, helfen, Informationen dazu zu bekommen“.

„Eine besondere Ehre“

Wenn da nicht noch „die höhere Kunst des Wikipedia-Autors“ wäre: die Box „Schon gewusst?“ am rechten Rand der Hauptseite der deutschen Wikipedia. NearEMPTiness hat sich einen besonderen Spaß daraus gemacht, es so oft wie möglich mit einem von ihm erstellten Artikel in diese Box zu schaffen. Rund ein- bis zweimal pro Monat gelingt ihm diese „besondere Ehre“, wie er es nennt, zuletzt mit dem Artikel über den Fawdon Wagonway, eine ehemalige Kabelbahn nahe Newcastle-upon-Tyne. Was er davon hat? Ein Artikel, der auf der Hauptseite verlinkt wird, schafft es auf bis zu 60.000 Seitenabrufe innerhalb von zwei Tagen.

Tilman Berger: „Die Seitenabrufzahlen interessieren mich nicht. Ich habe mich überhaupt nicht darum bemüht, dass irgendein Artikel exzellent ist“ (ausklappen)

Seit es Wikipedia gibt, gibt es auch Studenten, die aus ihr abschreiben. Referate, Hausarbeiten, das Online-Lexikon ist eine unerschöpfliche Quelle für Studenten jeder Fachrichtung, und leichter zur Hand als der schwere Foliant in der Unibibliothek. Was aber, wenn die abgekupferten Wikipedia-Artikel vom eigenen Professor geschrieben wurden?

Wikipedia als Wissensschatz

„Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Studierende da reingehen und sich auch die Literatur anschauen“, sagt Tilman Berger. Im Gegenteil, für ihn war die Erfahrung, dass Studenten aus der Wikipedia abschreiben, sogar eine Motivation, diese zu verbessern: „Wikipedia ist das erste und einfachste Nachschlagewerk. Man sollte ein Interesse daran haben, dass da richtige und vollständige Sachen drinstehen“. Und wenn sich sonst niemand findet, schreibt er diese Artikel eben selbst.

Berger geht es aber nicht darum, auch abseits der akademischen Welt Lorbeeren zu ergattern: „Die Seitenabrufzahlen interessieren mich nicht. Ich habe mich überhaupt nicht darum bemüht, dass irgendein Artikel exzellent ist“. Seine einzige Motivation ist, Wissen für alle zugänglich zu machen – wie viele Menschen dieses Wissen überhaupt lesen, interessiert ihn nicht, wohlwissend, dass seine Expertise auch eher auf einem exotischen Feld liegt. Aber auch dort gelte: „Die Wikipedia sollte Ihnen etwas bieten, sonst gehen Sie auf schlechtere Seiten“.


Kapitel 2: Wikipedianer sind Helden, weil sie mit viel Liebe zum Detail arbeiten

Es ist der 8. Februar 2009. Fünf Monate nach der Wahl formiert sich die schwarz-gelbe Bundesregierung. Der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg wird als Wirtschaftsminister gehandelt. Um 22:40 Uhr ändert ein anonymer Nutzer mit einer IP-Adresse aus Köln den Wikipedia-Artikel des CSU-Shootingstars und fügt ihm einen Vornamen hinzu: „Wilhelm“. Eine Quelle gibt er nicht an. Zwei Tage später erschien die BILD-Zeitung mit der Schlagzeile „Müssen wir uns diesen Namen merken?“ und nennt den vollständigen Namen mit dem „Wilhelm“. Zahlreiche überregionale Medien übernehmen diesen Namen, bis am Abend des 10. Februar der anonyme Nutzer sich auf dem Bild-Blog erneut zu Wort meldet: Der Name „Wilhelm“ sei frei erfunden. Der bundesdeutsche Journalismus ist blamiert.

Die Angst vor Falschbehauptungen in der Wikipedia ist so alt wie die Wikipedia selbst, und die Gesellschaft fragt sich: Wie entstehen überhaupt die Wikipedia-Artikel? Wer recherchiert sie, wer schreibt sie, was sind die Quellen, wer kontrolliert das? Ist ein Projekt wie die Wikipedia überhaupt kontrollierbar?

Marek Wojciechowski: „Der Artikel war totaler Schwachsinn“ (ausklappen)

Einer der Artikel, die Wojciechowski übersetzte, behandelte den Tübinger Fotografen Paul Sinner. Nachdem er seine polnische Version hochgeladen hatte, machte ihn ein polnischer Wikipedianer auf die Unzulänglichkeiten dieses Artikels aufmerksam. „Der Artikel war in der Tat nur ein Stumpf, nur ein paar Sätze!“ befand Wojciechowski und wandte sich an den Autor des deutschen Artikels. Da dieser selbst aus persönlichen Gründen an dem Artikel nicht weiterarbeiten konnte, schickte er Wojciechowski Scans des Buches „Ansichten aus Schwaben“, das fast ausschließlich Sinner gewidmet ist. Wojciechowski machte sich an die Arbeit. Der Rechercheeifer des Germanisten war geweckt.

Im Zuge seiner Recherchen stellte Wojciechowski fest, dass dieser Sinner fast zwei Jahre mit Wilhelm Hornung zusammengearbeitet hatte, ebenfalls ein Tübinger Fotograf. „Es gab schon damals einen Artikel über ihn, aber der war ein totaler Schwachsinn“, berichtet Wojciechowski rückblickend. Denn darin seien drei verschiedene Personen miteinander vermischt worden: die beiden Fotografen Paul Wilhelm Hornung und sein Sohn Julius Wilhelm Hornung mit den Lebensdaten eines nicht mit den beiden verwandten Julius Wilhelm Hornung. Am 6. Februar 2012 kündigte „Mewa767“ daher auf der Diskussionsseite des Wilhelm-Hornung-Artikels an, „in absehbarer Zeit einen völlig überarbeiteten Artikel einstellen“ zu wollen. „Mich hat das einfach interessiert. Ich habe begonnen, nach Quellen zu suchen, und beschlossen, die Artikel zu schreiben, quasi als Übung. Ich hätte die beiden sowieso völlig neu schreiben müssen, bevor ich sie ins Polnische übersetzen konnte“.

Hoher Anspruch an die Recherche

Wojciechowski betreibt einen für Wikipedianer überdurchschnittlichen Aufwand, um Artikel so korrekt und vollständig wie möglich zu recherchieren. „Ich benutze zur Recherche fast nur Bücher, im Gegensatz zu vielen Wikipedianern, die einfach nur das Internet auswerten. Die sind sehr oberflächlich, und das wollte ich nicht nachahmen“, beschreibt er seinen Arbeitsstil. Das führe sogar so weit, dass seine Artikel Erkenntnisse zusammenfassten, die so in keinem anderen Buch stünden, „aber ich stelle das nie so dar, weil man das auf Wikipedia nicht darf“. Das Lexikon dient schließlich nicht dem Erkenntnisgewinn, sondern der Erkenntnisverbreitung. Trotzdem, sein Anspruch an seine Recherchen ist hoch: „Das ist meine Überzeugung, wenn man etwas macht, soll das möglichst gut sein“.

Im Gegensatz zu ihm betrieben viele andere Wikipedia-Autoren nur „Stückwerk“, findet er, der manchmal Empörung erntet, wenn er andere, schlechter informierte Wikipedianer korrigiert, „aber es gibt natürlich keine Garantie, dass ich alle Quellen erfasst habe“. Insgesamt investiert er in der Regel mehrere Wochen, häufig sogar bis zu zwei Monate, in einen neuen Wikipedia-Artikel. Deswegen stammen von Wojciechowski auch „nur“ 170 Texte: „Mir war nie die Anzahl der Wikipedia-Artikel wichtig. Dann hätte ich Hunderte schreiben können. Eigentlich gibt es unendlich viele Themen, die behandelt werden müssten, aber ich habe nicht die Zeit dazu“.

Bereicherung der Wikipedia

Während die neu gefassten Artikel über die beiden Hornung bereits im Februar 2012 und eine viel ausführlichere Version des polnischen Artikels über Paul Sinner im Januar 2012 online gingen, blieb die deutsche Version von „Paul Sinner“ eine Weile liegen. Wojciechowski war mit dem Artikel noch nicht zufrieden. Eine Herausforderung waren für ihn die Trachtenfotografien Sinners. Ein Thema, dem der Autor von „Ansichten aus Schwaben“ 11 großformatige Seiten gewidmet hatte – das aber für den Wikipedia-Artikel auf einen kurzen Abschnitt konzentriert werden musste.

Anfang 2016 unterhielt sich Wojciechowski mit dem Kulturwissenschaftler Ulrich Hägele, der auch am Zentrum für Medienkompetenz der Universität Tübingen tätig ist. Hägele, der sich für die Recherchen zu seinem Buch „Experimentierfeld der Moderne“ intensiv mit Julius Wilhelm Hornung befasste, wunderte sich, dass Wojciechowski sich mit der Geschichte der Tübinger Fotografen so gut auskannte. Wojciechowski erzählte von seinen Recherchen über Paul Sinner. Indirekt ermutigt durch das Gespräch, beschloss er nun, das Projekt endlich abzuschließen. Am 9. April 2016 war es soweit: um 23:08 Uhr registrierte die Versionsgeschichte der Seite „Paul Sinner“ ein Plus von 19.263 Bytes auf eine Gesamtlänge von 24.285 Bytes. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich nicht nur eine Ergänzung, sondern eine komplette Neufassung des Artikels. Es blieb bis heute die größte Überarbeitung in der Geschichte des Paul-Sinner-Artikels.

NearEMPTiness: „Das geht sogar so weit, dass ich ähnliche Artikel schreibe wie ein Bauhistoriker“ (ausklappen)

Der Ausgangspunkt für die Artikel von NearEMPTiness ist oftmals ein Bild. Sei es in einem Archiv oder im Urlaub in Russland: Wenn der Eisenbahn-Fan beispielsweise eine neue Strecke entdeckt und feststellen muss, dass diese noch nicht auf Wikipedia gewürdigt wurde, denkt er: „Das wird doch auch andere Leute interessieren, auf welchen Schienen diese Lokomotive fuhr!“ und macht sich an die Arbeit. Oftmals übersetzt er dann einen Artikel aus einer anderen Sprachversion der Wikipedia, einen halben Tag bis ein Wochenende opfert er für dieses Hobby. Diese Arbeit nennt er eine „journalistische Tätigkeit“, kein Heldentum; an deren Ende er aber oftmals „ähnliche Artikel schreibe wie ein Bauhistoriker“. Das wird von der Community auch anerkannt: 2009 gewann eines seiner Bilder, das den Museumsbahnsteig in Oberhausen zeigt, den 9. Platz bei „Wiki loves monuments“.


Kapitel 3: Wikipedianer sind Helden, weil sie sich gegen den akademischen Mainstream stellen

Wissenschaft und Wikipedia standen von Anfang an in einem gewissen Spannungsverhältnis. In der akademischen Welt gilt das, was die Wikipedianer tun, als verpönt: Laien! Die einfach so schreiben! Ohne Doktortitel! Die Wikipedianer hingegen halten der Wissenschaft vor, sie sitze in einem Elfenbeinturm fest. Alle Menschen hätten ein Recht auf einen freien Zugang zu Wissen und Bildung, nicht nur Akademiker. Und alle Menschen seine in der Lage, dazu aktiv beizutragen.

Ein konstruktiver Austausch auf breiter Basis kam nie zustande. Dabei finden sich unter den aktiven Tübinger Autoren der Wikipedia sogar zwei Professoren, neben Tilman Berger auch der emeritierte Informatik-Professor Herbert Klaeren, der auf unsere Anfrage leider nicht antwortete. Diejenigen Wikipedianer, die bereit waren, mit „Zwischenbetrachtung“ zu sprechen, zeichneten aber ein ganz anderes Bild. Ist es heldenhaft, sich als Akademiker gegen den universitären Mainstream zu stellen und auf Wikipedia zu schreiben?

Alazon: „Man stellt sich da gegen eine Strömung, ja“ (ausklappen)

Alazons Einstellung zur Wikipedia ließe sich kurz als dreifache Chance zusammenfassen: als Chance für ihn selbst, als Chance für die Wissenschaft und als Chance für die Lehre.

„Was mich an der Wikipedia fasziniert, ist, dass das Persönliche zurückgenommen ist. Ich schreibe etwas, und das gehört gar nicht mir. Das ist ein Akt der Zurückhaltung“. Alazon kennt den Veröffentlichungsdruck, der mittlerweile auch in die Geisteswissenschaften Einzug gehalten hat, er hat keinen eigenen Lehrstuhl. „Meine Wahrnehmung ist, dass die Wissenschaftler unter Druck gesetzt werden, bestimmte Sachen zu veröffentlichen. Da geht es mehr um: ‚Wer hat es publiziert; und nicht: wer hat es überhaupt gelesen?‘“. In der Wissenschaft ist der Name des Autors alles. In der Wikipedia ist er nichts. Die meisten Nutzer erfahren ihn gar nicht, zumindest nicht, wenn sie nur den Artikel selbst lesen und nicht auch die Versionsgeschichte. Und selbst, wenn sie sich diese anschauen, müssen sie oft feststellen: Den einen Autor gibt es gar nicht. Wikipedia-Artikel entstehen durch ein Autorenkollektiv, das sich gegenseitig ergänzt. Daher stehen die Texte auch unter einer frei verfügbaren CC-Lizenz, jeder darf mit ihnen machen, was er will. „Das muss man auch lernen. Ich genieße das sehr, weil ich den Originalitätshype in der Geisteswissenschaft für übertrieben halte. Wie wäre es, wenn die Wissenschaft auch unter Pseudonym betrieben werden würde?“

Wikipedia als Chance für Wissensvermittlung

Das ist eine gute Frage. Kann Wikipedia auch eine Chance für die Wissenschaft sein? Alazon bejaht diese Frage eindeutig. Die Wikipedia sei zum Beispiel eine Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse der Allgemeinheit zu vermitteln – und diese andersherum auch wieder für die Wissenschaft zu begeistern. „Wenn man von öffentlichen Geldmitteln gefördert wird, ist es eine Pflicht, davon etwas zurückzugeben. Aber das ist eine Aufgabe, die oft außerhalb der Wissenschaft gesehen wird“. Die Wissenschaft, sie wagt sich nicht heraus aus ihrem Elfenbeinturm, sie scheut den Dialog mit der Zivilgesellschaft. Obwohl eigentlich jede Demokratie davon lebe, dass Informationen zirkulierten und nicht gefangen blieben, betont Alazon.

Er selbst versucht immerhin, daran etwas zu ändern: „Wenn ich unterrichte, versuche ich Studenten dazu zu bewegen, Wikis zu schreiben. Wenn man Sachen lernt, ist es immer so, dass man sie weitergeben muss, sonst lernt man ja nichts“. Eine Chance für ihn, eine Chance für die Wissenschaft und eine Chance für die Lehre.

Tilman Berger: „Ich lese ununterbrochen auf der Wikipedia und bilde mich über Dinge, die ich nicht weiß“ (ausklappen)

Herr Professor Berger, sollte man Wikipedia als Wissenschaftler nicht verurteilen? „Das ändert doch nichts. Alle verwenden es, aber es ist an der Uni unanständig, es zu verwenden. Ich finde es nicht unanständig“. Berger gibt zwar zu, dass die Wissenschaftlichkeit ein „generelles Problem“ der Wikipedia sei. Und dass er natürlich niemals etwas zu seinen eigenen Forschungsthemen in der Wikipedia publizieren würde. Aber er ist auch stolz darauf, mitgewirkt zu haben, den Umgang der Wikipedia mit nicht-lateinischen Namen zu vereinheitlichen. Auch er würde jedem seiner Studenten die Wikipedia als erste Anlaufstelle für die weitere Literaturrecherche empfehlen. In Summe also keine Erfindung des Teufels, sondern ein Projekt, bei der er sich gerne neben seinen Verpflichtungen als Professor engagiert – so wie es die Zeit erlaubt.

Kommunikationskanal für die Gesellschaft

Berger geht sogar noch darüber hinaus: Er selbst lese gerne in der Wikipedia, auch in anderen Sprachen, und bilde sich ununterbrochen fort über Themen, von denen er noch nicht so viel wisse. Darin läge auch die große Chance der Wikipedia für die Wissenschaft: „Es ist wichtig, dass es vernünftige Zugangsformen zu Wissen gibt, und das ist eben die Wikipedia“. Statt sie zu verteufeln, regt Berger an, die Wikipedia eher als Chance zu sehen, mit den Folgen der Digitalisierung umzugehen. Wenn man sich beispielsweise über russische Grammatik informieren wolle und dazu Seiten wie https://www.russischlernen.com/ heranziehe, wo jeder schreiben könne, was er wolle, dann sei es doch besser, „seriöse“ – und er sagt tatsächlich seriöse! – Anlaufstellen wie die Wikipedia als ersten Ausgangspunkt einer Recherche zu verwenden. Er als Spezialist wisse, wo er die Quellen für die Themen seines Fachs finde, aber wer sich einfach nur für die slavische Welt interessiere, der finde auf der Wikipedia einen hervorragenden Überblick.

NearEMPTiness: „Wenn ich ein Professor an der Uni Tübingen wäre, würde ich es meinen Studenten zur Aufgabe machen, als Hausarbeit einen Artikel zu schreiben“ (ausklappen)

NearEMPTiness stimmt allen zu, die sagen, Wikipedia sei keine zitierfähige Quelle im wissenschaftlichen Sinne, sondern bestenfalls ein guter erster Anlaufpunkt. Und trotzdem betont er: „Ich glaube, dass viele Wissenschaftler Wikipedia sehr aktiv nutzen, ohne darauf hinzuweisen“. Besonders attraktiv für Wissenschaftler sei nämlich der gewaltige Bilderschatz, den die Wikipedia besitzt und der ebenfalls vollständig unter einer frei verwendbaren CC-Lizenz zur Verfügung steht. Hand aufs Herz: Wer von uns hat nicht schon mal ein Foto von der Wikipedia in ein Referat eingebunden?

Werdet Wikipedianer!

Die Wikipedia ist aber noch mehr als nur Bilder. „Wenn ich ein Professor an der Uni Tübingen wäre, würde ich das meinen Studenten zur Aufgabe machen, als Hausarbeit einen Artikel zu erstellen zu einem lokalen Thema“, erklärt NearEMPTiness und verweist ganz konkret auf das Museum der Uni Tübingen (MUT). Dieses hat bereits einen Artikel mit zahlreichen Fotos, und auch er selbst hat bereits zwei Grabkammern beschrieben, die dort ausgestellt sind. Aber wäre es denn nicht eine Aufgabe für einen Archäologie-Studenten, statt Hausarbeiten zu schreiben, die in staubigen Archiven vergessen werden, sich einmal den Ausstellungsstücken des MUT zu widmen und all denen, die das Museum vielleicht besuchen wollten, es aber nicht können, die nötigen Informationen im Netz zur Verfügung zu stellen?

Die Uni habe ein berechtigtes Interesse daran, dass ihre Forschungsergebnisse in erster Linie Forschern zur Verfügung stünden, betont NearEMPTiness, aber hier gehe es nicht nur um Forschung, sondern auch um Lehre und den öffentlichen Auftrag. Könnten nicht auch Schüler sich beispielsweise eine Persönlichkeit aus Tübingen vornehmen und als Schulprojekt den Wikipedia-Artikel zu dieser Person erstellen? So entstünde ein kreativer und konstruktiver Umgang mit den Chancen der Neuen Medien, statt sie zu verteufeln.


Kapitel 4: Wikipedianer sind Helden, weil sie sich in politisch aufgeheizten Zeiten um einen neutralen Standpunkt bemühen

Als die Wikipedia 2001 gegründet wurde, war das Internet noch eine Utopie: ein globales Netzwerk, in dem sich jeder nach Belieben frei informieren kann. Keine Geheimnisse mehr, keine Intransparenz, keine Macht für niemand. Ein Siegeszug der Demokratie. Durch Vernetzung und Austausch würden die Menschen zusammenrücken, Hass und Spaltung überwinden. Die Welt würde wieder zu einem „globalen Dorf“ zusammenwachsen, prophezeite der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon in den 60er Jahren.

Es kam anders. Hate Speech, Fake News und Trolle haben das Internet gekapert. Es dient als Werkzeug der Spaltung, nicht der Vereinigung. Gilt das auch für die Wikipedia, dieses Menschheitsprojekt in 300 Sprachen?

„Catalunya és un país“

Eine dieser 300 Sprachen ist das Katalanische. Barcelona, 27. Oktober 2017. Nach einem umstrittenen Referendum, das in Gewalt endete, erklärt sich die Autonome Gemeinschaft Katalonien für unabhängig vom Königreich Spanien. Gegen 16 Uhr gehen die ersten Änderungswünsche auf der Diskussionsseite zum Artikel „Catalunya“ der katalanischen Wikipedia ein:

„S’ha de ficar que Catalunya és un país, ja que s’ha declarat l’independencia“ („Man sollte feststellen, dass Katalonien ein Land ist, nachdem nun die Unabhängigkeit erklärt wurde“)

schreibt ein anonymer Separatist.

Wenige Minuten darauf, um 16:06 Uhr, antwortet Nutzer „Townie“:

„Fet! N’ÀlexHinojo ja ho ha canviat. De fet, Catalunya ja era un país, ara és un Estat.“ („Erledigt! ÀlexHinojo hat es schön geändert. Tatsächlich war Katalonien schon vorher ein Land, jetzt ist es ein Staat“).

Im Artikel steht nun, gleich im ersten Satz:

„Catalunya és un país europeu situat a la Mediterrània occidental constituït, des del 27 d’octubre de 2017 com a República Catalana“ („Katalonien ist ein europäisches Land, am westlichen Mittelmeer gelegen, dass sich am 27. Oktober 2017 als Katalonische Republik konstituiert hat“).

Die Debatte um Katalonien

Doch die Proteste lassen nicht lange auf sich warten.

„Estáis engañando a la gente, la proclamación de la república no tiene ningún valor jurídico porque el parlamento no tiene competencias para proclamar la república. Solicito la intervención de los stewards de la fundación Wikimedia para revertir estas mentiras.“ („Ihr veräppelt die Leute, die Proklamation der Republik hat überhaupt keinen juristischen Wert, weil das Parlament nicht die Kompetenz dazu hat. Ich fordere die Administratoren der Wikimedia Foundation auf, einzugreifen und diese Lügen zu löschen.“)

, schreibt ein anonymer Nutzer auf Spanisch wenige Minuten darauf.

Townie, der katalanische Separatist, lässt sich davon nicht beeindrucken:

„El Parlament ha declarat la República. Catalunya ha passat a ser un Estat, ara falten els reconeixements – fet que ja està recollit“ („Das Parlament hat die Republik erklärt. Katalonien ist nun ein Staat, nun fehlen noch die Anerkennungen – eine Tatsache, die bereits angemerkt wurde“).

Der anonyme Spanien-Anhänger erhält daraufhin Unterstützung von einem Wikipedianer namens Güevonciox, der sich, ebenfalls auf Spanisch, über seine katalanischen Kollegen lustig macht:

„Jajajajajajajajajajajajajaja, que os creéis vosotros que vale para algo la pantomima sediciosa que habéis hecho. Este fin de semana abrís embajada en Soto del Real. Vais a dormir calentitos“ („Hahaha, bildet ihr euch wirklich ein, dass diese aufrührerische Pantomime, die ihr da veranstaltet habt, irgendeinen Wert hat? Am Ende eröffnet ihr dieses Wochenende noch eine Botschaft im Madrider Diplomatenviertel. Geht endlich schlafen“).

Nun platzt Townie endgültig der Kragen. Er verweist auf die Wikipedia-Netiquette und weigert sich, weiterhin auf die inhaltlichen Argumente der Spanier einzugehen. Es entwickelt sich eine Endlosdiskussion um den Status Kataloniens, die bis heute andauert, aber von den Separatisten, die in der katalanischen Wikipedia offensichtlich die Mehrheit besitzen, Mal um Mal abgeschmettert wird mit dem Verweis auf die „Gran Enciclopèdia Catalana“ als vermeintlich glaubwürdige Quelle für ihre Behauptung, Katalonien sei ein Land. Der eingangs zitierte Satz steht in der Folge leicht verändert noch heute am Beginn des Artikels „Catalunya“. Paradoxerweise können sich die Separatisten aber nicht überall durchsetzen, die katalonische Wikipedia geht uneinheitlich mit dem Status Kataloniens um: Im Artikel „Espanya“ gehört Katalonien immer noch zu Spanien.

Wo bleibt der neutrale Standpunkt?

Abgesehen vom linguistischen Erkenntniswert dieser Debatte, der darin besteht, dass sich Katalonisch und Spanisch offensichtlich so ähnlich sind, dass die beiden Sprachen mühelos in einer Diskussion parallel verwendet werden können: Was bedeutet dieses Beispiel für den Umgangston auf Wikipedia?

Die Wikipedianer verpflichten sich sprachübergreifend dazu, in ihren Artikeln einen „neutralen Standpunkt“ zu wahren. Hier liegt vielleicht das stärkste Argument begraben, das dafür spricht, dass Wikipedianer Helden sind: dass sie in politisch aufgeheizten Zeiten versuchen, Neutralität und Objektivität zu wahren. Die Katalonien-Krise ist hier nur das einfachste Beispiel. Welche Erfahrungen haben die Tübinger Wikipedianer damit gemacht?

Alazon: „Wikipedia ist ein Gegengift gegen das ‚Gefällt mir‘. Wikipedia ist nicht infiziert von diesem Virus, und das halte ich für eine sehr starke Sache“ (ausklappen)

Was das Phänomen Hate Speech angeht, gibt Alazon für die Wikipedia Entwarnung: Der Sprachwissenschaftler, der selbst auf einen Facebook-Account verzichtet, findet nach eigener Maßgabe die Wikipedia-Diskussionsseiten „mindestens so interessant wie die eigentlichen Artikel“. Warum bleibt es dort bei einem sachlichen Umgangston? Ist es die „Wikiquette“, von der andere Onlinemedien vielleicht lernen könnten?

Nein, sagt Alazon. Das Besondere an Wikipedia sei das gemeinsame Ziel, das die Wikipedianer verbinde. „Es darf auf Wikipedia nicht darum gehen, die anderen zu überzeugen. Sondern es geht darum, einen Artikel so zu verbessern, dass alle Stimmen enthalten sind“. Und in der Tat, Wikipedia unterscheidet sich von all den Echokammern und Filterblasen auf Facebook und Twitter: Es gibt keinen Algorithmus, der Nachrichten vorsortiert und an die eigene politische Einstellung anpasst. Jeder bekommt alles zu sehen, unverblümt, ungeschminkt. „Die Ausgewogenheit kommt aus der Vielstimmigkeit. Die Diskussionsseiten sind sehr prägend für Wikipedia. Das ist etwas Anderes als die anderen Medien.“

Und jeder kann mitreden. Dass das nicht einfach ist, gibt Alazon auch offen zu: „Ich bewundere die Leute, die sich um die Entfernung von Vandalismus auf Wikipedia kümmern. Das ist eine viel schwierigere Arbeit als so manche wissenschaftliche Fachdiskussion“. Wikipedia sei ein Gegengift gegen die egoistische „Gefällt mir“-Einstellung, da alle Nutzer das gemeinsame Ziel im Hinterkopf hätten. Und am Ende hebe sich die Wikipedia als Ganzes auf diese Weise von allen anderen Seiten im Netz ab, ein Mechanismus, aufgrund dessen Alazon am Ende als einziger aller Interviewpartner zum Schluss kommt, dass sich in der Geschichte der Wikipedia durchaus Geschichten von Helden erzählen lassen.

NearEMPTiness: „Ich bin selbst einmal einer Täuschung aufgesessen“ (ausklappen)

NearEMPTiness weiß, was Fake News bedeuten, denn er ist in einer Tätigkeit für Wikipedia schon einmal selbst einer solchen Falschnachricht aufgesessen: Einmal verfasste er einen Artikel über Martin von Zoransky. Er hielt ihn für einen deutschen Adeligen, der um 1800 wirklich existiert haben soll. In Wirklichkeit dagegen war er die Erfindung einer US-amerikanischen Buchautorin, die ihren Roman im Netz so gut beworben hatte, dass die Geschichte sich verselbständigte.

Die Wikipedia ist kein luftleerer Raum

Ist das nicht genau das, was immer wieder an der Wikipedia kritisiert wird – die Fälschungen? „Das gibt es schon gelegentlich, dass Fake News auf Wikipedia durchrutschen“, gibt NearEMPTiness offen zu. „Aber dann kommt eben diese Schwarmintelligenz zum Tragen. Obwohl ich sehr viel auf Wikipedia lese, finde ich nur sehr wenige Artikel, die offensichtliche Fehler beinhalten“.

Das Versprechen von der Weisheit der Gruppe – auf Wikipedia scheint es zu funktionieren. NearEMPTiness betont in diesem Zusammenhang auch die neutralen Standards, auf die sich alle Wikipedianer verpflichtet haben: „Wenn du einen politischen Blog schreibst und da Dinge schreibst, die kein Mensch lesen will außer einem kleinen Kreis von Fanatikern, dann funktioniert das dort besser als auf Wikipedia, wo tagelang diskutiert und dann eine neutrale Sicht erarbeitet wird“. Was auf Wikipedia „gepostet“ wird, geschieht also nicht im luftleeren Raum, sondern in einer eifrigen Community, die über die Korrektheit und die Relevanz ihres Wissensschatzes wacht – und im Zweifel auch mal zu radikalen Mitteln greift: NearEMPTiness‘ Beitrag über den erfundenen Adeligen wurde am Ende gelöscht.

Tilman Berger: „Es gibt auch persönliche Beleidigungen à la ‚Der meint, dass er alles besser weiß, weil er Professor ist“ (ausklappen)

Fragt man Tilman Berger, an welchen Problemen die Wikipedia krankt, nennt er vor allem zwei Punkte: Vandalismus und Verrückte.

„Vandalismus“ nennen Wikipedianer das Phänomen, dass unbekannte Leute auf einmal in Wikipedia-Artikel etwas schreiben, was dort nicht hingehört. Spam, würde man im E-Mail-Kontext vielleicht sagen. Das Problem entsteht dadurch, dass jeder die Möglichkeit hat, einen Wikipedia-Artikel zu bearbeiten, auch, wenn er kein angemeldeter Nutzer ist. „Das zu löschen war früher unser täglich Brot. Da gab es Leute, die haben sich täglich nur damit beschäftigt. Heute sind die Mechanismen dagegen so gut, dass wir das im Griff haben“, berichtet Berger. Sprich: Die Wikipedianer löschen so schnell, dass sich Vandalismus kaum noch „lohnt“: die Internet-Trolle haben gemerkt, dass ihre „Beiträge“ schnell gelöscht werden, und es deshalb aufgegeben, die Wikipedia-Community weiter zu belästigen.
Wie genau funktionieren diese Mechanismen? „Jeder Artikel hat eine gewisse Community, die diesen beobachtet. Wenn da jemand was Falsches reinschreibt, ist der sehr schnell wieder raus“. Das wirkt natürlich auch abschreckend für neue Autoren, die noch nicht Teil dieser Community sind, weiß Berger. Aber das ist der Preis, den man für ein gutes Lexikon bezahlen muss.

Das zweite Problem sind „Verrückte“, wie er es nennt: Menschen, welche die Diskussionsseiten unsicher machen und die Community mit Endlos-Diskussionen verärgern. Einmal musste er sich selbst einer solchen Person stellen: einem slowakischen Troll, der seine Slowakei-Kompetenz in Frage stellte. „Es gibt in dem Kontext auch persönliche Beleidigungen à la ‚Der meint, dass er alles besser weiß, weil er Professor ist“, berichtet der Tübinger. Berger korrespondierte mit ihm per E-Mail, bemühte sich um einen Dialog. Am Ende half es nichts: Die Community ekelte ihn hinaus.

Insgesamt sei es aber besser geworden mit diesen „Verrückten“, meint Berger. Vielleicht läge es daran, dass er sich nicht mehr so aktiv an den Diskussionen beteilige. Vielleicht läge es aber auch daran, dass Hatespeech nicht zum Genre der Enzyklopädie gehört, wie er sagt. „Ich höre aber deswegen nicht auf, Wikipedia zu lesen“.


Kapitel 5: Wikipedianer sind Helden, weil wir sie brauchen

Es gibt Dinge, die nutzen wir jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, wo sie eigentlich herkommen. Die Wikipedia ist einer dieser Dinge, und ihre Autoren sonnen sich nicht im Glanz, eine der zehn beliebtesten Webseiten weltweit zu betreiben. Sie achten nicht auf Seitenabrufzahlen. Sie schreiben keinen Clickbait. Sie geben Hass keinen Raum. Sie tun es für die Menschheit.

Ohne Wikipedia würde uns etwas Wichtiges und Bedeutsames fehlen. Wir sollten dankbar sein für diejenigen, die sich dort ehrenamtlich und selbstlos engagieren. Wenn du, lieber Leser, zukünftig mal einen Artikel aus Tübingen liest: Denke vielleicht an Mewa767 oder NearEMPTiness, die sich die Mühe gemacht haben, diesen für dich so gut wie möglich zu recherchieren. Denke an Alazon oder Tilman Berger, die daran arbeiten, die Wikipedia auf ein wissenschaftliches Niveau zu hieven. Denke an ihre zahlreichen Co-Autorinnen und Co-Autoren, die Beiträge recherchieren, schreiben, redigieren und stetig verbessern. Welche die Wikipedia am Leben erhalten. Denke daran, dass Wikipedianer Helden sind.

6 Kommentare
  1. NearEMPTiness
    NearEMPTiness sagte:

    Herzlichen Dank für das Interview und diesen gut gelungen Beitrag. Die Fragestellung wird auf Wikipedia bereits intensiv diskutiert:

    Sind Wikipedia-Autoren Helden?

    Ohne Zweifel: Ja, sind sie! — Nicola – kölsche Europäerin 14:52, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Ja.–Bluemel1 (Diskussion) 15:01, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Und ich bin nur ein einfacher Fotograf… Gruss –Nightflyer (Diskussion) 15:06, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Bist du dir da sicher, Fotograf? *duck und wech* . Spass bei Seite. Wenn man was ganz aktuelles von dir anschaut, bist du durchaus auch ein „Held“ (Held= jemand bei dem es sich lohnt, ihm nach eifern zu wollen). Mit dem Wikipedia:Fotodokumentation Fernschreiber hast du definitiv was heldenhaftes angestossen. Denn die Fernschreiber werden jetzt ja nicht wie ursprünglich geplant verschrottet, sondern kommen in verschiedene Musen. –Bobo11 (Diskussion) 15:21, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Will mal sehen, wie du den Telex in deine Muse rein kriegst. –2A02:8388:C02:4880:39DB:1B22:840C:2C7A 15:50, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Nein. Wehe dem Projekt, das Helden braucht.–Mautpreller (Diskussion) 15:22, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Wenn das so wäre (Wikipedianer sind Helden) – und wenn man sich die Mitarbeiterzahlen ansieht, so scheint bei WP eine Mischung aus Heldentod und Priesterschwund zu herrschen.
    Im übrigen werden „wirkliche Helden“ von den „Nicht-Helden“ als Helden benannt/stereotypisiert. Sie bezeichnen sich nicht selber als Helden (es sei denn ironisch oder trumpisch)! Bikkit ! (Diskussion) 15:25, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Wikipedia sagt: „… ist eine Person, die eine Heldentat, also eine besondere, außeralltägliche Leistung vollbringt.“ Trifft also nicht zu. Helden sähe ich am liebsten nur in der Literaturwissenschaft und auf der Bühne. Gruß –Parvolus 15:29, 14. Jul. 2018 (CEST)

    (BK) Klar aus der Betrachungsweise schon. Wenn wir zur Rettung der Wikipedia Helden brauchen, dann geb ich dir Recht, dann hätten wir die Sache so richtig tolle in die Scheisse gesetzt (Der Kraftausdruck musst jetzt sein). Von anderem Standpunkt aus betrachtet (Und so lese ich den Bericht auch), sind die „Helden“ aber nicht zur Rettung der Wikipedia ausgerückt, sondern zum erstellen freien Wissens.–Bobo11 (Diskussion) 15:29, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Einigen wir uns doch auf „miesepetrige Helden“… — Nicola – kölsche Europäerin 15:34, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Ich bin mehr für „fröhliche Dilettanten“.–Mautpreller (Diskussion) 15:56, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Die Kommentare sind unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ (CC-by-sa-3.0) verfügbar.

    Fortsetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:Kurier#Sind_Wikipedia-Autoren_Helden?

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  2. NearEMPTiness
    NearEMPTiness sagte:

    Die Diskussion auf Wikipedia geht wie folgt weiter:

    Von „fröhlich“ merke ich dieser Tage wenig. –Radsportler.svg Nicola – kölsche Europäerin 16:11, 14. Jul. 2018 (CEST)

    @Benutzer:NearEMPTiness: zur Frage „Sind Wikipedia-Autoren Helden?“ des Studenten Jan Doria. Antwort: „Grundsätzlich nein“. Richte das Jan bitte mit freundlichen Grüßen von einem heldenhaften Hund aus. –Summer • Streicheln • Note 16:13, 14. Jul. 2018 (CEST)

    John Wayne war ein Held. Davy Crockett und die 188 anderen, die 11 Tage in Alamo ausharrten und Sam Houston die nötige Zeit verschafften, seine Armee aufzustellen, waren – vielleicht – Helden. Ob Jimmy „Jimbo“ Wales ein Held war, wird die Geschichte zeigen. Wir – wir sind allenfalls die Fußsoldaten eines Helden. Und, bislang jedenfalls, auch nur eines Helden in spe. –Richard Zietz 16:41, 14. Jul. 2018 (CEST)

    [https://www.waz.de/staedte/duisburg/willkommen-in-der-welt-von-wikipedia-id213487897.html]. Dulce et decorum est pro patria mori. Morituri te salutant. –AlternativesLebensglück (Diskussion) 17:10, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Schauen wir doch mal in die Wikipedia:: Dort wird Held als Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine Person, die eine Heldentat, also eine besondere, außeralltägliche Leistung vollbringt. definiert. Ist der Wikipediautor somit ein Held? Besondere außeralltägliche Leistung? Wenn etwas das besondere außeralltäglich ist, dann die Tatsache, dass der Großteil der Autoren nicht bezahlt wird. Das in einer Zeit in der man schon als Depp dasteht, wenn man nicht jede Gelegenheit nutzt seine Mitmenschen zu übervorteilen und Gutmensch in einem Teil des politischen Spektrums als Schimpfwort benutzt wird, ja wenn man das in Betracht zieht ist er womöglich wirklich ein Held. Das Ringen um einen neutralen Standpunkt – auch wenn nicht immer erfolgreich – ist, wenn man sich viele Medien und Beiträge im Internet anschaut, eine besondere, außeralltägliche Leistung. –92.75.229.100 17:41, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Ich wil lieber kein Held sein, das sind doch immer die, die besonders erfolgreich darin waren, andere umzubringen.
    Zur genannten Zwischenbetrachtung vielleicht noch dies: Dass Katalonien in der cawiki als pais bezeichnet wird, ist nicht erst seit Oktober 2017 so, das steht schon seit über 10 Jahren im Artikel, und die Diskussion darum gibt es auch schon so lange. –Holder (Diskussion) 18:37, 14. Jul. 2018 (CEST)

    „… die besonders erfolgreich darin waren, andere umzubringen”. Oft blieben auch die Helden auf der Strecke was zu dem Witz „Warum gibt es so wenig Helden … – … die Sterben so früh” führte. Aber so ganz langsam kommt mir eine Idee, wo der Autorenrückgang her kommt. –Summer • Streicheln • Note 18:52, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Okay, viele sind zu schlechtgelaunt. Vielleicht wäre ein gutgelaunter Dilettantismus gar kein schlechtes Ziel? –Mautpreller (Diskussion) 19:23, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Ich leg ne Schippe drauf und mach aus „… gar kein schlechtes Ziel?“ ein „… gutes Ziel!“. Schließlich bin ich mit nur gelegentlichen Besuchen in der Hundeschule quasi der Vorzeigedelettant in der WP. –Summer • Streicheln • Note 19:37, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Alle Bussi ❤️. Da wir allesamt zu Helden deklariert wurden, hier [https://www.youtube.com/watch?v=X5kmM98iklo] ein kleines Heldenständchen von einer Helden-Band [https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_sind_Helden]. –Richard Zietz 19:41, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Vielen Dank den Tübinger Kollegen, die offenbar einen sehr ansprechenden Eindruck hinterlassen haben – und dem Berichterstatter für die erfreulich deutlich zum Ausdruck gebrachte Anerkennung des hiesigen gemeinnützigen Engagements! Mit Feriengrüßen — Barnos (Post) 23:16, 14. Jul. 2018 (CEST)

    Ich bin ein Held, juchu, da ich Wikipicki-Autor bin, juchu. Facepalm –Informationswiedergutmachung (Diskussion) 00:33, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Was ich mich beim Kurier manchmal frage, und auch hier: Sind die meisten Wikipedianer Pessimisten? Hat das Gründe in der Jäger-und-Sammler-Zeit und die Artikel-Sammel-Menschen sind vergleichbar mit den Menschen, die ganz, ganz viele Beeren gesammelt und gehortet haben und den Untergang schon kommen sahen? (Ähnliches gibt es heute mit Konservendosen im Keller) Ich meine nicht jeden der Vorposter, aber es ist doch stärker vertreten als im Real-Lebensumfeld.–Bluemel1 (Diskussion) 01:00, 15. Jul. 2018 (CEST)

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    Fortsetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:Kurier#Sind_Wikipedia-Autoren_Helden?

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  3. NearEMPTiness
    NearEMPTiness sagte:

    An der Diskussion auf Wikipedia beteiligen sich inzwischen auch zwei Administratoren (A):

    Wenn man etwas anderes sagt, als die mit den Sternchen in den Augen, wenn man feststellt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, wenn man sieht dass es ein Ganz Oben (die, die trotz Bezahlung keine Artikel mehr schreiben), ein Oben, ein Mittendrin Nebendran und ein Unten gibt, ist man kein Pessimist sondern Realist.
    Gibt es hier mathematische Helden, die nach Extrapolation der Mitgliederschwund-Kurve und der Neuartikel-Erscheinungs-Kurve berechnen können, wann (welches Jahr, welcher Monat) auf einen (100+)-aktiven Mitarbeiter die Wartung von 1000 bereits existierenden Artikeln zurückfallen werden? ! Bikkit ! (Diskussion) 10:07, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Kein Sehnssuchtsort des Wissenschaftsbetriebs?

    Das hier in Rede stehende Loblied der Wikipedianer gibt unsereinem insofern zu denken, als die Beteiligung an der Wikipedia geradezu als ein Akt der Zivilcourage gegen den wissenschaftlichen Mainstream zu respektieren sei. Die zweifellos bestehenden Reserven im Wissenschaftsbetrieb gegen eine Selbstbeteiligung hierzupedia sind aber nicht allein Ausdruck akademischen Hochmuts, sondern inzwischen wohl eher noch der Vollauslastung im beruflichen Kerngeschäft. Erst wer da aus dem Gröbsten heraus ist, kann normalerweise überhaupt in Betracht ziehen, seinen Wissens- und Könnensvorrat dem Wikipedia-Publikum zur Verfügung zu stellen. Auch für Emeritierte muss Wikipedia nicht durchweg zum vergnüglichen Spaziergang werden; aber als Freizeit- und Ruhestandsbeschäftigung ist sie aus Erfahrung gut geeignet. — Barnos (Post) 09:25, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Einer unserer ganz stillen Helden. Sonntagsgruß –Andrea (Diskussion) 10:01, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Sorry, aber das mit der „Vollauslastung im beruflichen Kerngeschäft“ halte ich für eine Ausrede. Die meisten Mitwirkenden hier haben ein „berufliches Kerngeschäft“, das sie mehr oder minder stark auslastet, und sie finden in ihrer Freizeit trotzdem die Zeit für ein Engagement in der Wikipedia. Ich finde es enttäuschend, dass so wenig Fachleute die Verantwortung fühlen, sich außerhalb ihrer Arbeit in ein Projekt wie die Wikipedia einzubringen (und sei es eben nur ganz speziell zu einem einzigen Thema wie das z.B. Ulrich Greiner hier beschreibt). Sicher können einige auf negative Erfahrungen verweisen, dass sie in dem Projekt nicht zurechtkamen oder nicht genug wertgeschätzt wurden, aber wer nur mit seiner beruflichen Karriere argumentiert und dass ihm dafür ein WP-Artikel nicht genug einbringt, der passt eben auch nicht in ein Projekt, wo man etwas ehrenamtlich und unentgeltlich tut, einfach weil man sich der Sache verpflichtet fühlt. –Magiers (A) (Diskussion) 10:09, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Nun muß man aber fragen: Wieviele von Denen die hier mitwirken schreiben nach ihrer Kernarbeitszeit zu Hause in der Freizeit dann auch noch über den Inhalt ihrer Arbeit? Ich denke, eher eine sehr kleine Zahl der Mitarbeiter. Der Großteil macht Dinge, die ihn/sie eben vom normalen Trott ablenkt. Marcus Cyron Reden 15:23, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Der Ulrich hat ja auch Deinen Edit gelobt! –Elop 12:26, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Die sogenannten Zwischenbetrachtugen des Tübinger Studenten sind in Kapitel unterteilt. Das Kapitel, in dem zur Wissenschaft bezug genommen wird lautet: „Kapitel 3: Wikipedianer sind Helden, weil sie sich gegen den akademischen Mainstream stellen“ Aus jeden WP-Artikel würde so ein steile These achtkantig rausgeworfen. Träfe sie zu, wäre die WP eine Verbreitungsmaschine für Unwissenschaftlichkeit – was dann wohl dem Verbreiten von Verschwörungstheorieen nahe käme. Ich wäre nicht hier, und die ganze These wäre eine Beleidigung für alle Kollegen die an wiss. Themen arbeiten, käme sie aus prominenten Mund.
    Die anderen Kapitel sind analog gestrickt. „Kapitel x: Wikipedianer sind Helden, weil sie zum Pupsen vor die Tür gehen“. –Summer • Streicheln • Note 11:19, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Ich glaube, hinter der (unausgesprochenen, in der WP-Geschichte jedoch einen roten Strang bildenden) Forderung, der „Wissenschaftsbetrieb“ habe Wikipedia „anzuerkennen“, steckt ein riesengroßes Mißverständnis: dass Wikipedia ein Teil von selbigem sei. Ein großer Humbug. Abgesehen davon, dass auch zu Brockhaus-Zeiten sicher nicht „die“ Wissenschaft zu den dicken Bänden gegriffen hat, um sich schlau zu machen, erfüllen Enzyklopädien eine vollkommen andere Aufgabe: sie betreiben keine Wissenschaft, sondern stellen – im besten Fall und neben anderen – wissenschaftliche Extrate für die Allgemeinheit dar. Das ist a) nicht verboten [https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html], b) tut jede Fachzeitschrift und jede Publikation zu Thema X oder Y nichts anderes. Die Reihenfolge diesbezüglich hat sich klar etabliert: die Wissenschaft schreitet voran, forscht und bringt laufend neue Erkenntnisse. Enzyklopädien bilden die zweite Reihe und bilden dies (neben anderem) ab. Last but not least gibt es für die Grenzfälle sogar eine WP-Regel: WP:OR. Fazit: Wenn die „Wissenschaft“ Wikipedia mal lobt, ist das schön. Im Zweifelsfall sollte es allerdings auch ohne gehen. –Richard Zietz 11:54, 15. Jul. 2018 (CEST)

    In Absehung von denen, die wohl etwas in den falschen Hals bekommen haben, möchte ich auf Deinen Einwand eingehen, Magiers: Allen, die hier über eine ausgefüllte Vollzeit-Berufstätigkeit hinaus konstruktiv mitwirken, ist im Sinne des jüngsten Lobredners in besonderer Weise Dank und Anerkennung zu zollen. Nun geht es aber auch darum, neue befähigte Leute als Aktive für das Projekt zu gewinnen. Und da soll man sich auch klarmachen, dass erfolgreiches Ankommen und Mitwirken in der Wikipedia in mehrerer Hinsicht zeitaufwändiger geworden ist, als es in den frühen Jahren der Fall war. Auch das erklärt übrigens zum Teil, warum die Wikipedianer in den vergangenen Jahren in der deutschsprachigen Sektion nicht mehr, sondern weniger geworden sind. Also gilt wohl doch, dass Zeit zu haben eine wichtige Voraussetzung dafür ist, sich hier einbringen zu wollen und zu können. — Barnos (Post) 12:34, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Jeder Mensch hat Zeit; es ist nur die Frage, wofür er sie einsetzt. Und auch in der Wikipedia gibt es eine Menge „Zeitvertreib“, vom Abarbeiten irgendwelcher Wartungslisten, die nur den Quellcode verändern, bis zu Diskussionen im Kurier. All diese Zeit könnte man auch für Artikelarbeit einsetzen. Es mag richtig sein, dass es unattraktiver geworden ist, seine Zeit für Artikelarbeit in der Wikipedia einzusetzen, aber das hat nicht den Grund, dass die Leute weniger Zeit haben, sondern dass sie mit ihrer Zeit anderes anfangen, was ihnen attraktiver erscheint. Es ist gesellschaftlich weniger attraktiv geworden, sich in der WP zu engagieren, und es ist in der WP weniger attraktiv geworden, sich in der Artikelarbeit zu engagieren. Wenn man etwas ändern will, dann muss man bei dieser Attraktivität ansetzen, aber „keine Zeit für irgendwas“ ist meistens vorgeschoben, denn dieselben Leute nehmen sich ja für andere Tätigkeiten Zeit. –Magiers (A) (Diskussion) 13:16, 15. Jul. 2018 (CEST)

    @Zietz: jeder Friseur, Bäcker, Bierbrauer, Altenpflger, Landwirt, Buchhalter und natürlich habilitierter Chemiker weiß mehr über sein Fachgebiet als in der WP steht. Alle lassen die WP links liegen wenn Sie informationen über ihr Fach suchen … und von all den Gruppen schreibt nur ein winziger Bruchteil in der WP. Alle Gruppen nutzen die WP wenn sie wissen wollen, an welchen Fluss Hannover liegt. Wenn ein Friseur sich abwertend über die WP äußert interessiert es niemand … wenn ein Wissenschaftler das macht geht das große Palaver los (auch wenn es nur eine Einzelmeinung ist – die wenigsten Wissenschaftler haben Interesse sich mit der WP auseinander zu setzen).
    Hier geht es aber um was anderes. Hier werden einfach steile Thesen aufgestellt, warum Wikipedianer Helden seien. Als Beleg für die Heldenhaftigkeit wird behauptet, Wikipedianer würden sich gegen den wissenschaftlichen Mainstream stellen (oben habe ich zitiert und gefettet). Das ist Quatsch mit Soße – niemand stellt sich hier gegen den wissenschatlichen Mainstream (genausowenig wie wir uns gegen den mainstream der Bäckerinnungen stellen).
    Auf der Seite, auf der der Tübinger Student schrieb, gibt es eine Kategorie für Heldenartikel – http://zwischenbetrachtung.de/category/helden/ (hier lohnt es sich die URL zu lesen). In dieser Kategorie ist der WP-Heldenartikel zusammen mit anderen wie ‚Der Soldat mit dem Helden-Herzen‘, ‚Jessica Jones – Zwischen Heldin und Antiheldin‘, ‚Fünf Songs über Helden‘, … neben jeden Artikel ist ein Portrait des Autors in dem er sich das Hemd wie Superman aufreist und ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Held‘ zum vorschein
    Wenn ich hier irgendwas mitnehme, dann die Erkenntnis, das es hier offenbar Kollegen gibt, die geradezu Süchtig nach Lob und Anerkennung sind. Ich finde es geradezu erschreckend, wie man dieses Heldenlob begierig aufsaugt. Ob eine Lob qualifiziert ist, scheint nicht zu zählen … hauptsache Lob – wir nehmen alles – morgen auch von der AfD. — Summer • Streicheln • Note 13:24, 15. Jul. 2018 (CEST)

    In Wikipedia schlagen SchülerInnen und Studierende nach, JournalistInnen suchen nach Erstinformationen und zitieren Wikipedia-Artikel (z.B. der ORF). Akademisch ausgebildete User nutzen Wikipedia ebenso wie Menschen anderer Berufe oder Interessen. Das Zeitbudget und wofür man es einsetzt, spielt nur eine Rolle bei der Entscheidung hier aktiv mitzumachen. Aus meiner Erfahrung muss ich feststellen: das Mitmachen gerät zu einer tour de force, wenn man sich in Artikeln und Bereichen bewegt, die Konfliktfelder sind. Dann wird Zeit sinnlos vergeudet. Von den Frauen in meinem näheren und ferneren Umfeld, die akademisch gebildet sind, würde keine hier mitarbeiten. Nicht wegen des Zeitbudgets.Fiona (Diskussion) 13:40, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Ich mache regelmäßig die Erfahrung, dass Benutzer die eingeschnappte Leberwurst markieren, wenn man ihre Arbeit fachlich/formell kritisiert. Daher ist es im Umkehrschluss nur logisch, das hier „Heldenlob begierig auf[ge]saugt“ wird.
    Allgemein: Wikipedianer als „Helden“ zu bezeichnen ist sicher übertrieben. „Helden“ mit Augenzwinkern vielleicht, weil sie ihre Freizeit „opfern“, um freies Wissen zu fördern, das könnte ich noch unterschreiben. Schräg aber wirklich die Begründung, dass sie deswegen Helden seien, „weil sie sich gegen den akademischen Mainstream stellen“. Es sind doch gerade die selbsterklärten Infagesteller des Mainstream, die Crackpots, Verschwörungstheoretiker und „Men on a mission“, die hier meist schon mit dem ersten Edit auf ihre infinite Sperrung hinarbeiten. Anscheinend fußt also nicht nur Kritik an, sondern auch Lob für die Wikipedia auf Falschauffassungen über unser Projekt… –Gretarsson (Diskussion) 15:27, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Held*in wird auch eine Protagonist*in einer Geschichte genannt oder im Sinne eines persönlichen Vorbilds gebraucht. Aber für Wikipedia etwas opfern und heroisiert werden – bitte nicht. Gruselig. Ich kann mich sehr mit Mautprellers Vorschlag vom ‚fröhlichen Dilettantismus‘ anfreunden. Fiona (Diskussion) 15:55, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Ich sagte ja wohlweislich „mit Augenzwinkern“, wie der „-held“ in Lieferheld… 😉 –Gretarsson (Diskussion) 16:47, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Yeah, wir sind Delivery Heroes – liefern Content für Wikipedia (frei Haus).Fiona (Diskussion) 17:06, 15. Jul. 2018 (CEST)

    @Barnos: Es gibt viele Wissenschaftler*innen, die in der Wikipedia mitschreiben. Auffällig ist ja eher, dass sie meist nicht in dem Fachgebiet schreiben, in dem sie selbst forschen (Ich gehöre z. B. auch zu dieser Spezies). Viele schreiben eher zu Themen, die sie mal im Studium interessant fanden oder zu völlig anderen spannenden Themen. Und da sind wir beim Zeitvertreib: Wenn ich in meiner Freizeit etwas schreibe, will ich mich vielleicht halt nicht unbedingt auch noch mit dem beschäftigen, mit dem ich mich schon beruflich auseinandersetze. Dass Mitarbeit in der Wikipedia keinerlei wissenschaftlichen Meriten bringt – die Währung hierfür sind bekanntlich Zitationen – und deswegen nicht als Teil der wissenschaftlichen Arbeit angesehen wird, ist ja schon vielfach geschrieben und diskutiert worden, das ist nach wie vor so und daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern, wozu auch? Auch Lehrbücher für Studierende schreiben Professor*innen übrigens oft in ihrer Freizeit, auch dies gehört i. d. R. nicht zu den Tätigkeiten, für die sie bezahlt werden. –Holder (Diskussion) 14:13, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Nach dem bayerischen Hochschulgesetz sind die Aufgaben eines Professors Lehre, Forschung und öffentlicher Auftrag. Da gehört das Bücherschreiben und Wikipedia-Artikel Verfassen also durchaus dazu. –NearEMPTiness (Diskussion) 14:52, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Seeliges Bayern, wo Professoren fürs Wikipedia-Artikel schreiben bezahlt werden … –Holder (Diskussion) 15:11, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Nur weil man etwas tun darf, heißt das noch lange nicht, daß man es auch tut ;). Marcus Cyron Reden 15:26, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Willst Du damit andeuten, Du kenntest keinen Prof aus Bayern, der auf WP Artikel schriebe? –Elop 15:55, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Das machen die unterbezahlten Hilfskräfte mit befristeten Verträgen.Fiona (Diskussion) 16:08, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Das wäre aber eine echte Posse … da schmiert uns ein Tübinger Student Heldenhonig ums Maul, wir säuseln glücklich vor uns hin und am Ende der Säuselei stellen wir fest, das wir alles Profs vor die Tür setzen müssen weil sie formal bezahlte Schreiber sind. Auf ans Werk – raus mit ihnen. –Summer • Streicheln • Note 16:14, 15. Jul. 2018 (CEST)

    Die Kommentare sind unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ (CC-by-sa-3.0) verfügbar.

    Fortsetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia_Diskussion:Kurier#Sind_Wikipedia-Autoren_Helden?

    Antworten
  4. Jan Doria
    Jan Doria sagte:

    Lieber NearEMPTiness,

    vielen Dank für deine Hinweise auf die Wikipedia-Diskussion! Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, eine Debatte anzustoßen, und haben uns in der Redaktion daher dazu entschlossen, noch einmal in der Form dieses Kommentars auf einige Punkte der Debatte einzugehen.

    Wie der Wikipedianer ! Bikkit ! schon festgestellt hat, werden Helden meist von außen als solche charakterisiert, während sie selbst es oft ablehnen, als „Held“ bezeichnet zu werden. Das gilt auch für alle von mir interviewten Wikipedianer: niemand von ihnen hat sich im Gespräch selbst als „Held“ bezeichnen. Wikipedianer als Helden zu sehen, schließt jedoch nicht aus, auch andere Menschen als Helden zu sehen, wie die genannten „Lebensretter“. Tatsächlich gibt es auf unserem Blog auch einen Beitrag über diese Art von Heldentum.

    Sehr interessant fand ich persönlich die Debatte über Kapitel 3, Wikipedia und der akademische Mainstream. Hier liegt wohl ein Missverständnis vor: es geht mir keineswegs darum, dass auf Wikipedia steile akademische Thesen debattiert werden würden, „Verschwörungstheorien“ gar. Wikipedia ist kein Autor für wissenschaftliche Forschung. Das haben auch alle Gesprächspartner betont.
    Wikipedia ist aber sehr wohl ein Ort für die Vermittlung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und dafür, andere Menschen für Wissenschaft zu begeistern. In der „scienctific community“, und das meine ich mit „akademischer Mainstream“, gilt die Wikipedia jedoch als „nicht zitierfähige Quelle“. Da ist es natürlich insbesondere für den Studenten interessant zu beobachten, dass Wissenschaftler wie Tilman Berger und Alazon sich an der Wikipedia beteiligen und um ein positives Verhältnis zur Wissenschaft bemühen. Oder, um es mit dem Wikipedianer Barnos zu formulieren: es geht nicht um den wissenschaftlichen Mainstream, sondern um den Wissenschaftler-Mainstream.

    Ich hoffe, wir konnten zu einigen der aufgeworfenen Fragen noch mal Erhellendes zur Klärung beitragen.

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