Geht es um die australische Identität, verweisen viele auf Football, Mateship oder Vegemite. Aber auch ein Blick auf die Haarmode des fünften Kontinents verrät Erstaunliches: Seit einigen Jahren feiert der Vokuhila dort ein Comeback, das mittlerweile das ganze Land erfasst hat.

Antike Darstellung von Kaiser Justinian.

Kaiser Justinian hasste die antiken Vokuhila-Träger (Wikicommons).

Die Wurzeln des Vokuhilas liegen allerdings nicht in Australien, sondern im antiken Europa. Nach dem Untergang West-Roms versuchte Byzanz, die römische Haartradition zu bewahren. In Konstantinopel kam es 532 jedoch zum Aufstand gegen Kaiser Justinian. Der Historiker Prokopios (500-562) bemerkte in seiner Anekdota auch eine modische Zeitenwende: „Vom Haupthaar schoren sie den Vorderteil bis zu den Schläfen, den Rest ließen sie ohne rechten Grund ganz lang herunterhängen.“ Besser gesagt: vorne kurz und hinten lang, ein Vokuhila eben.

Die Revolte endete mit 30.000 Toten. Der Kaiser war kein Freund neuer Trends. Erst Jahrhunderte später feierte der Vokuhila ein weniger blutiges Comeback. David Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust machte die Kultmatte zum Teil der Popkultur. Andere Stars folgten dem Trend. Bis Ende der 1980er Jahre verbreitete sich der Vokuhila auch in Australien. „Business in the Front, Party in the Back“, lautete damals der Wunsch beim Friseur. Seine Träger waren konservativ und rebellisch zugleich.

Ein Kontinent der Außenseiter

Westliche Gelehrte stellten sich die Bewohner der Südhalbkugel als Barbaren vor.

Bewohner der Südhalbkugel galten als verdrehte, barbarische Halbmenschen (Wikicommons).

Ebenso rasant, wie ihr Triumphzug stattfand, sind sie im Kreislauf der Haarmode wieder verschwunden. Dennoch hat der Vokuhila einen sicheren Rückzugsort gefunden. In Australien erleben die Träger des sogenannten Mullet kein Gelächter, sondern tiefen Respekt als trotzige Aussies. Wer diese Leidenschaft verstehen will, muss dafür auf das Selbstverständnis Australiens blicken. Nach seiner Entdeckung galt der Südkontinent Europäern schnell als „verdorbene Welt“ mit barbarischen Halbmenschen.

Schuld waren Vorurteile gegen Aborigines, die isolierte Lage sowie die kuriose Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem ließ das Empire ab 1788 zur Abschreckung zahlreiche Kleinkriminelle in die gefürchtetste Strafkolonie abschieben. In London entstanden schnell Gerüchte über Gewalt- und Alkoholexzesse ihrer rauen Bewohner. Deshalb muss sich der Kontinent bis heute als Gefängnis-Insel verspotten lassen. Somit hatte Australien schlichtweg keinen Ruf zu verlieren. Und das waren optimale Voraussetzungen für den Siegeszug des Vokuhilas.

Bogans entdecken den Vokuhila

Ein Mann trägt einen Vokuhila.

Vokuhilas und Bogans sind untrennbar (allygirl520, SuperMullet, CC BY 2.0).

Besonders eine gesellschaftliche Gruppe trägt traditionell den Vokuhila. Dabei handelt es sich um die Subkultur der Bogans. Sie existiert vor allem in den Vororten großer Städte. Im 20. Jahrhundert wurde ihr „schlechter Geschmack“ abwertend belächelt: Wer morgens in Unterhemd auf seiner Veranda saß und ein VictoriaBitter trank, galt als Bogan. Selbstgemachte Tattoos des Southern Cross und ein Bierdosen-Kühler aus Styropor machten die Klischees komplett. Ökonomisch gehörten sie zu den Verlierern der australischen Gesellschaft.

Möglicherweise überzeugte die Bogans der Vokuhila aus praktischen Gründen. Eine ordentliche Matte im Nacken konnte Sonnenbrand und Moskitostichen vorbeugen: Offensichtlich ist, dass der Vokuhila-Trend auf Gefallen stieß. Auch die Musik-Szene in Down Under hatte in den 1980er Jahren zahlreiche Ikonen des Vokuhilas. Unter Bogans ist die australische Rock-Musik populär. Deswegen war ihr Idol Iva Davies, der rothaarige Frontmann der Band Icehouse. Wäre sein „Electric Blue“ auch ohne diese Matte zum Aussie-Hit geworden?

 

Rückzug und Comeback

In den 1990er Jahren ließen die meisten Nicht-Bogans aber ihren Vokuhila abschneiden. Sogar Iva Davies opferte irgendwann seine rote Mähne. Zu Silvester 1999 besang er vor dem Opernhaus in Sydney das Great Southern Land mit einer gegelten Kurzhaarfrisur. Und wollte damit wohl vor allem dem Ausland gefallen. Schließlich musste sich das Land bei den Olympischen Spielen zum Millennium als seriöser Gastgeber präsentieren. Dank der Bogans konnte der Vokuhila auch diese dunklen Jahre im Untergrund überstehen.

Unterstützung erhielten sie von unerwarteter Seite. Ab 2009 ließen sich immer mehr libanesisch-stämmige Jugendliche einen Vokuhila schneiden. Er war ihr Erkennungszeichen und ebenfalls Protest gegen rassistische Vorurteile. Langsam hat sich der Vokuhila seitdem wieder über den Kontinent ausgebreitet – zuletzt sichtbar bei den diesjährigen Commonwealth Games. Dort fuhrt der australische Radfahr-Star Alexander Porter mit seiner blonden Kultmatte zum Weltrekord. Der Vokuhila sei Teil des Australian Spirit, stellte Porter nach dem Rennen fest.

Bogans als Trendsetter

Das liegt auch an einer Versöhnung mit den Bogans. Unter 30-jährige Aussies verwenden das Wort längst nicht mehr abwertend. Der Lebensstil der Vorstadtbewohner verdeutliche vielmehr die kulturelle Eigenständigkeit. Schließlich gebe es niemand „Australischeren“ als einen Bogan. Mit ihrer authentischen Art verkörpern sie die Helden des Kontinents, wie den „Crocodile Hunter“ Steve Irwin. Hinzu kommt eine Abneigung gegen Autoritäten. Modisch zeigt sich das dementsprechend an engen Jeans, Flip-Flops und einem Vokuhila. Im Februar fand folgerichtig Australiens erstes Mullet-Festival statt und war ein großer Erfolg:

 

Huge congrats to all the winners today at the inaugural Mulletfest!And thanks to everyone that came along for such a fun day 😁🤩#mulletfest2018 #chellyhuntervalley

Gepostet von Mulletfest am Samstag, 24. Februar 2018

 

Mehr als 180 Teilnehmer pilgerten dazu in die Kleinstadt Kurri Kurri (NSW). Die Jury kürte Sieger in den Kategorien „Everyday Mullet“, „Ladies Mullet“ oder „Junior Mullet“. Beim Nachwuchs gewann der 12-jährige Alex Keavy. Und der kündigte schon einmal an, für immer diese Frisur behalten zu wollen. Fest steht außerdem, dass das Festival 2019 in die nächste Runde geht. Vielleicht gelingt es Australien damit, seinen Platz im 21. Jahrhundert zu finden. Irgendwann könnte die Kultmatte wie Kängurus oder Koalas zur Fauna des Kontinents gehören. Denn welcher Haarschnitt passt besser zu einer „verdorbenen Welt“ als der Vokuhila?

 

Literatur:

Bartolo, K. F. (2008). ‚Bogan‘: Polite or Not? Cultural Implications of a Term in Australian Slang, in: Griffith Working Papers in Pragmatics and Intercultural Communication, 1, S. 7-20.

Blanco, J. F. (2016). Clothing and Fashion. American Fashion from Head to Toe. Santa Barbara: Abc-Clio, S. 218f.

Gare, D., & Ritter, D. (2008). Making Australian History: Perspectives on the Past Since 1788. Melbourne: Thomson.

 

Weitere Quellen:

News.com.au (2014): Do bogans know they’re bogans? We put this and other effin’ important questions to Bogan Hunters creator Paul Fenech.

The Guardian (2018): It’s Not a Hairstyle, It’s a Lifestyle. Scenes From Australia’s First Mullet Festival.

5 Kommentare
  1. Sahra
    Sahra sagte:

    Spannend, auf welche Geschichte der Vokuhila zurückgeht. Dass diese umstrittene Frisur auch heute noch für viele Menschen so bedeutungsvoll sein kann, hätte ich nicht gedacht. Meinen Geschmack trifft die Frisur zwar immer noch nicht, aber mit diesem neu gewonnen Wissen kann ich mich zumindest ein klein wenig mit diesem Trend aussöhnen. Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Antworten
  2. Anne D.
    Anne D. sagte:

    Super Beitrag! Ich hatte keine Ahnung, dass der Vokuhila noch irgendwo im Trend liegt – oder irgendeine Bedeutung haben könnte außer einen seltsamen Modegeschmack. Das zeigt mal wieder, welche wichtige Rolle Haare für die Identität spielen.

    Antworten
  3. Hannah V.
    Hannah V. sagte:

    Wer Vokuhila trägt muss mutig sein und setzt ein Statement – ganz gleich ob im 6. Jahrhundert in Konstantinopel oder heutzutage in Down Under. Mich würde noch interessieren, ob die Frisur nach den Römern und vor Ziggy Stardust „ausgestorben“ war – also von niemandem getragen wurde – und warum David Bowie für seine Kunstfigur gerade einen Vokuhila wählte.

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    • Johannes
      Johannes sagte:

      Diesen Mut, aus der Reihe zu tanzen, bewundere ich auch sehr!

      Danke für deine spannenden Fragen: Blanco (siehe oben) hat dazu festgestellt, dass es zwar über die gesamte Geschichte hinweg weltweit Darstellungen gibt, die ansatzweise einem „Mullet“ ähneln. Die früheste eindeutige Quelle ist aber die Beschreibung aus Konstantinopel. Auch nach den Römern gab es weitere Darstellungen. Ziggy Stardusts Frisur gilt in der Literatur dann als erster offizieller „Mullet“. Allerdings hatte sich Bowie dafür von verschiedenen Mode-Magazinen bei seinem Friseur inspirieren lassen. Die Geschichte dazu findet sich hier: https://www.ibtimes.com/story-behind-david-bowies-ziggy-stardust-haircut-radical-red-revolution-2268718

      Um sich von allen anderen Musikern abzugrenzen, sollte der Haarschnitt einfach so radikal wie möglich sein. Sicherlich gab es also vor David Bowie auch andere Menschen, die ähnliche Frisuren getragen haben. Aber als Ikone hat es erst Bowie geschafft, diese Frisur mit einer unglaublichen Symbolkraft aufzuladen: Rebellion und Nonkonformismus! Erst damit konnte sie zum (kurzzeitigen) Massenphänomen werden. Es liegt trotzdem an zukünftigen Vokuhila-Trägern, weiteres Licht in das Dunkel ihrer Herkunft zu bringen 😉

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