So lange die Menschheit sich schon Geschichten erzählt, lieben wir Erzählungen von Geistern, düsteren Gestalten und Verbrechen. Ob Spukgeschichte, Gruselbuch oder Horrorfilm – die Faszination des Dunklen und Bösen scheint ein Teil des Menschen zu sein. Aber was ist der Grund dafür, dass wir uns so gerne gruseln?

Lust am Gruseln

Gruselfilme locken Millionen Menschen in die Kinos

Die Neuverfilmung von Stephen Kings „Es“ füllte im Jahr 2017 die deutschen Kinosäle. Über 3 Millionen Besucher*innen wollten sehen, wie der Horrorclown auf Beutezug geht. Rund 30 Filme des Genres Grusel und Horror werden allein in diesem Jahr in den deutschen Kinos anlaufen. Für den Erfolg spielt es keine Rolle, ob Gespenster oder Zombies ihr Unwesen treiben, blutsaugende Vampire aus ihren Gräbern steigen oder ein wahnsinniger Massenmörder mit seiner Kettensäge loszieht, um Jugendliche zu jagen. Die Besucherzahlen sind konstant.

Kein Wunder, denn rund die Hälfte der Bevölkerung empfindet Lust am Gruseln. Und dem Lichtspiel gelingt es ohnegleichen, eine Geschichte so realitätsnah wie möglich zu zeigen. Auf den Zuschauerrängen bietet sich bei jedem Gruselfilm dasselbe Bild. Finger krallen sich panisch in die Oberarme der Sitznachbar*innen. Hände schnellen vor die eigenen Augen, um nicht sehen zu müssen, welches Grauen sich auf der Leinwand abspielt. Nur, um dann doch durch die Finger zu lugen, damit man nichts verpasst. Es scheint, als kämpften die Zuschauer*innen mit sich selbst. So sehr man auch meint, nicht hinsehen zu können, so sehr möchte man doch wissen, was geschieht. Es tobt ein innerer Kampf zwischen Angst und Neugier. Aber warum gruseln wir uns so gern?

Adrenalin und Endorphine

Psycholog*innen nennen dieses Phänomen „Angstlust“. Angeblich ist ein gewisser Hang zum Bösen im Wesen des Menschen verankert. Nach Dr. Ulrich Kobbé vom subjektpsychologischen Institut in Lippstadt wird dieser durch das Ansehen von Gewaltszenen befriedigt – und das, obwohl wir Angst im Allgemeinen als ein unangenehmes Gefühl empfinden.

Wissenschaftler*innen stellten fest, dass im Körper des Menschen zwei Dinge passieren, wenn er/sie sich einen Horrorfilm ansieht. Nach der Erklärung des Münchner Psychologe Lothar Hellfritsch werden sowohl Adrenalin als auch Endorphine gleichzeitig ausgeschüttet. Dies geschieht durch die Wechselwirkung von Angst und Glück. Einerseits fürchtet man sich aufgrund der brutalen Filmszenen, ist andererseits aber froh, nicht der/die Betroffene zu sein. Solange wir uns in realer Sicherheit befinden und den Albtraum einer fiktiven Figur auf der Leinwand verfolgen, verschafft uns diese Gefühlsvermischung einen besonderen Kick.

Lust am Gruseln

Grenzgänge – etwas Furchteinflössendes zu bewältigen, kann beflügelnd wirken

Horrorgeschichten verarbeiten die Urängste des Menschen: Dunkelheit, die Ungewissheit, was passieren wird, allein gelassen zu sein oder körperliche Qualen, Tod. Dass wir uns unseren Ängsten aussetzen wollen, ist ein normales und reizvolles Unterfangen. Bereits Kinder begeben sich selbst in Situationen, in denen sie sich gruseln. Sie versuchen sich etwa immer eine Stufe weiter hinein in den Keller zu wagen oder doch noch eine Minute länger allein im Dunklen auszuharren. Oder Jugendliche, die bei Nacht über den Friedhof ziehen. Sie selbst würden es eine Mutprobe nennen. Der ungarisch-britische Psychoanalytiker Michael Balint stellte heraus, dass es sich dabei um Grenzgänge handelt, die uns zwar im Moment ängstigen, im Nachhinein aber beflügeln und sogar stolz machen. Ähnlichen Stolz empfinden auch Erwachsene, die nach zwei Stunden Anspannung im Kinosessel sagen können: „Geschafft!“. Man glaubt, die eigenen Ängste bezwungen zu haben.

Die Mischung macht’s

Bei allem Hang zum Schrecken darf das Gefühl von Erleichterung nicht ausbleiben. Die Lust an der Angst funktioniert nur dann, wenn wir insgeheim wissen, dass wir in Sicherheit sind. Vergleichbare Empfindungen entstehen zum Beispiel bei einer Fahrt in der Achterbahn oder einem Besuch in der Gesiterbahn. Voraussetzung ist immer, dass wir neben der momentanen Erfahrung von Angst ein grundlegendes Vertrauen empfinden. Ein Urvertrauen in unsere Umgebung, in die Situation, in der wir uns befinden, oder in die Menschen um uns herum. Im Grunde müssen wir uns sicher und aufgehoben fühlen, um die Angst ausgleichen zu können, die durch einen Film oder ähnliches hervorgerufen wird. Wer es liebt, sich im Kinosaal gemeinsam mit 300 anderen Besucher*innen einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen, der tut das nicht auch unbedingt gern allein zu Hause auf dem Sofa.

Das gilt übrigens auch auf erzählerischer Ebene. Eine bloße Aneinanderreihung von Gewaltszenen würde die Angstlust der Zuschauer*innen längst nicht befriedigen. Auch innerhalb des Films muss es Situationen geben, in denen durchgeatmet werden kann. Das heißt, in denen etwas passiert, das uns den Schrecken kurzzeitig vergessen lässt. Im besten Fall etwas, das uns emotional rührt. Schon Aristoteles wusste, die perfekte Mischung für eine Tragödie besteht aus Furcht und Mitleid.

4 Kommentare
  1. marliesa
    marliesa sagte:

    Ein sehr interessanter Beitrag zur paradoxen menschlichen Psyche. Besonders spannend finde ich den Aspekt, dass wir durch das Schauen von Horrorfilmen unsere Urängste verarbeiten und uns danach so fühlen, als hätten wir das Gesehene durchlebt und überwunden. Den Vergleich mit einem Besuch in der Achterbahn finde ich auch nachvollziehbar, dennoch würde ich von mir nicht behaupten, dass ich ein Urvertrauen in dieser Situation empfinde (Man denke hier auch an die Szene aus dem Film Final Destination). Den nächsten Horrorfilm werde ich dann wohl mit diesen spannenden Erkenntnissen im Hinterkopf anschauen.

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  2. afauser
    afauser sagte:

    Interessant, vor allem vor dem Hintergrund, dass ich selbst sehr gerne Horrorfilme schaue. Jetzt weiß ich auch, was dabei unterbewusst in mir vorgeht. Ich finde auch, dass es in einem Horrorfilm immer mal wieder Szenen geben muss, bei denen man durchatmen kann. Bloße Aneinanderreihung von Gewaltszenen sind definitiv nicht das richtige.

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  3. Julian D.
    Julian D. sagte:

    Sehr interessante Perspektive auf das so genannte Paradox of Tragedy, das ja eigentlich Dolf Zillmanns Mood Management Theorie widerspricht: Sein Ansatz geht davon aus, dass der Rezipient Medienangebote bewusst einsetze, um die eigene Stimmung zu verbessern – und positive Emotionen zu erzeugen. da hat Hillmann wohl etwas zu kurz gedacht, denn eigentlich lässt sich die Faszination am Grauen im Fernehen damit nicht erklären…

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  1. […] Activity“ nie in Erscheinung tritt, jagt er den Zuschauer*innen dennoch einen gehörigen Schrecken ein. Der Film spielt mit der Furcht vor dem Unsichtbaren. Dazu nutzt der Regisseur die Angst der […]

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