In „Herr der Ringe“ wird Frodo von Nazgul verfolgt, Harry Potter badet in Gesellschaft der Maulenden Myrte, der Geist von Aslan wacht über Narnia und Mina heiratet dem Vampir Dracula. Fantastische Literatur stellt unbegrenzte Möglichkeiten nicht lebende Kreaturen zu bilden, die noch immer in der „realen“ Welt existieren. Aber was für eine Realität konstruieren die Autor*innen und was für eine Rolle spielen ihre Gespenster in dem Ganzen?

Theorie der „Welten“

Literaturwissenschaftler*innen hatten schon viele Ideen, wie man verschiedene Vorstellungen der „Welten“ in fantastischer Literatur organisieren kann. Diese Theorien, obwohl hauptsächlich für Literatur gedacht, gelten auch für andere Formen der Kunst. Vor allem Film bleibt eine Form, die gerne Literatur illustriert. Eine der vielen interessanten Fragen der Wissenschaft behandelt die in fantastischer Literatur vorgestellte Realität.

Ryszard Handke hat die Fantastik in drei Typen geteilt. Dabei fokussiert er sich auf die transzendentalen Elemente, also außer-realistische Phänomene. Eine seiner Kategorien ist das magische Märchen, in dem sich unterschiedliche Typen von „Zauberkräften“ überschneiden, aber keine von ihnen allmächtig ist. Hierbei kämpft oft das Gute mit dem Bösen, das auch mehrmals in Form von guten sowie bösen Gespenstern auftaucht. Eine weitere Gattung ist die Fantastik des Grauens. Das wichtigste hier ist, dass sie die heutige Realität, so wie sie ist, beibehält und erst dazu eine transzendentale Realität baut. Die Gespenster werden ins „Hier und Heute“ eingebaut, so wie bei „Dracula“ von Bram Stoker. Science Fiction wird als die dritte Gruppe der Aufteilung betrachtet und stellt eine Vision der Zukunft vor.

Gespenster in Allotopie

Mit dieser Theorie überschneiden sich viele andere, die Fantastik aus anderen Perspektiven aufteilen. Sie suchen noch tiefer nach konkreten Sorten der Gattungen (z.b. heroic fantasy, sword fantasy, Science Fiction, wissenschaftliche fiction). Umberto Eco hat in einem seiner Bücher beschrieben, wie man die “Welten“ in  fantastischer Literatur aufbauen kann. Es sind: Utopie, Uchronie, Metatonie und Metachronie und Allotopie. Die wichtigste ist die Allotopie. Sie soll Leser*innen überzeugen, dass die von dem*der Autor*in kreierte Welt realer ist, als die tatsächliche Realität. Jedoch ist die Relation zwischen den beiden Welten nicht wichtig. Hogwarts befindet sich in England. Narnia ist ebenso real wie die Welt, in der die Geschwister Pevensie leben. Die Aufgabe des*der Autor*in ist nicht, die Leser*innen zu überzeugen, dass Narnia realer ist. Sie sollen glauben, dass diese Geschichte tatsächlich passieren könnte. Jedoch ist in der Allotopie die Relation zwischen den beiden Welten nicht wichtig. Diese Lücke erfüllt eine polnische Literaturwissenschaftlerin, die die „Überwelten“ in zwei einfache Gruppen einteilt: Welten, zu denen die Figuren Zugang haben, und jene, zu denen sie keinen Zugang haben.

Als Beispiel kann man hier „Herr der Ringe“ und „Dracula“ anführen. Tolkien baut eine getrennte Realität, die selbstständig funktioniert. Gespenster wie Unuzkai oder Sauron sind Teil der Welt, in der die Figuren leben. Später wachsen die Toten zu Gestalten, die so real sind wie Menschen, Elfen oder Orks. Tolkiens Realität hat nichts mit der Welt der Leser*innen zu tun. Sie werden auch nie zusammengebracht. Mit diesem Beispiel kann der Roman von Bram Stoker verglichen werden, einem Klassiker der Fantastik des Grauen. Die Realität, in der die Figuren leben, ist den Leser*innen bekannt. Es sind dieselben Städte und Kulturen. Dort laufen keine Elfen mit Schwertern herum. In dieser Realität, die den Zeiten und Gewohnheiten den Leser*innen entspricht, taucht plötzlich ein Gespenst auf. Es sieht bloß nicht wie ein Gespenst aus. Es ist nur tot und braucht Blut. Das Gespenst wird vom Autor in die Welt der Leser*innen eingeführt.

Vierte Dimension

In Jahr 1854 hat Georg Riemann die euklidische Theorie der klassischen Geometrie wiedergelegt, und eine neue, mehrdimensionale Realität geschaffen. Mit dieser Feststellung begann die Debatte über die „möglichen Welten“, nicht nur zwischen mathematischen aber auch philosophischen Forschern*innen. Plötzlich sollte die Realität der Menschen nicht die Einzige sein. Einige Jahre später fing Henry Slyde, ein Illusionist, an überzeugende Diskussionen mit Geistern zu führen, was die Debatte über neue Realitäten wieder entfacht hat. Damit wurde die Debatte auch ein neues Thema in der Literatur.

Die zwei berühmtesten Konzeptionen stellen die neue Dimension als Raum und Zeit vor. Obwohl sie gut trennbar sind, werden sie sehr oft nebeneinandergestellt. Ein Beispiel dafür kann wieder die Welt von Narnia sein, die ein neuer Raum ist und gleichzeitig andere Zeitregeln hat. Hogwarts, aus „Harry Potter“, ist eine klassische räumliche Dimension, zu der Muggel (Nicht-magische Menschen) kein Zugang haben. Denn Hogwarts ist nicht in dieser Welt versteckt, sondern befindet sich in einer verzauberten Realität. In dieser trifft Harry die Geister seiner Eltern, ein Gespenst im Klo und Dementoren. Die Dimension der Zeit kommt anderseits sehr oft mit der Vorstellung der Zukunft zusammen oder negiert Zeit allgemein als Faktor.

Portale zwischen Welten sind der letzte Kontakt mit Gespenstern in den fantastischen Realitäten. Wenn man sich schon in einer Allutopie befindet sind sie ein Zugang zu der anderen Welt. Es kann ein Objekt sein, es kann auch ein Platz, eine Person sein – oder die Zeit. Es ist das, was den Kontakt mit – oder Zugang zu – der anderen Welt erlaubt. Eine der am schönsten, nicht nur vorgestellten Visionen eines Portals, schriftlich und visuell,  bleibt wahrscheinlich bis heute die Tür nach Narnia von C. S. Lewis. Genau so funktioniert doch auch die Vorstellung des Flaschengeistes. Harry Potter läuft durch eine Wand oder geht in einen Schornstein hinein. In diesen Fällen bleibt nur die Vorstellungskraft eine Grenze. Ansonsten ist alles erlaubt. In der Fantastik des Grauens sind zum Beispiel solche Portale oft für die Anwesenheit verschiedener Gespenster in der realen Welt verantwortlich.

Die Literatur gibt unendliche Möglichkeiten, neue Realitäten zu schaffen. Die Theorien, die von Eco, Tolkien, Halls und anderen, beschrieben werden versuchen nur Wege zu klassifizieren, auf denen man diese Realitäten aufbauen kann. Letztendlich sind sie nicht nur Fragen der Literatur, sondern auch Mathematik, Philosophie, Physik und  vielen anderen Bereichen. Sind die Plätze, in denen es spukt, Portale? Können Menschen Geister sehen? Existieren Dimensionen eigentlich? Literaturwissenschaftler*innen sind nicht die einzigen, die auf diese Antworten warten.

 

1 Antwort
  1. afauser
    afauser sagte:

    Interessant welche Theorien hinter den Fantasy-Klassiker stecken. Beim Lesen macht man sich meist gar keine Gedanken darüber, wie durch den Roman eine ganz neue Welt erschaffen wird.

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