Papst Innozenz III. träumt von Franziskus, der die Kirche wieder aufrichtet [Quelle: wikimedia.com]

Welche Personen sind überhaupt Helden? Diese Frage klingt einfach, ist aber in Wirklichkeit sehr schwer. Die „Umstrittene Helden“-Serie des Heldenblogs wagt einen Antwortversuch. In der ersten Folge geht es um Papst Franziskus. Jan Doria argumentiert: dieser Papst hat einen Traum.

Es ist einige Wochen her, da entbrannte ein Streit unter den Bischöfen in Bayern: sollten Protestanten auch zur katholischen Kommunion zugelassen werden oder nicht? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte beschlossen, künftig nach pastoralen Lösungen zu suchen, doch einige bayerische Oberhirten wollten dem Mehrheitsbeschluss nicht folgen und schrieben einen Brandbrief nach Rom: der Papst soll entscheiden.
Doch Papst Franziskus entschied sich nicht, sondern verwies die Sache zurück an die Bischofskonferenz. Man solle selbst nach einer Lösung suchen, ohne die Einmischung des Papstes. Der alte Satz, dass Rom alle Angelegenheiten für alle Ortskirchen der Welt zu richten habe, er gilt nicht mehr.

Dieser Papst hat einen Traum. Das ist nichts Ungewöhnliches in der Kirchengeschichte: Joseph träumt von seinen Brüdern, der Pharao träumt von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren. Und Papst Innozenz III. soll angeblich um 1210 von einer Kirche geträumt haben, die einzustürzen droht, und einzig noch von einem Bettelmönch gestützt wird. Sein Name: Franziskus.

Dieser Franz von Assisi scheint seinen modernen Wiedergänger gefunden zu haben in Jorge Mario Bergoglio, dem Mann „vom anderen Ende der Welt“, der am 13. März 2013 auf die Loggia des Petersdoms trat und sprach: „Bevor ich für euch bete, bitte ich euch, dass ihr für mich betet“.

Neue Töne aus Rom

Seither hören wir neue Töne aus Rom. Statt „du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen“, wie es auf der Kuppel des Petersdoms steht, handelt dieser Papst im Bewusstsein, dass Jesus auch zu Petrus sprach: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal verleugnen“. „Wer bin ich, das zu verurteilen?“, fragte Papst Franziskus mitreisende Journalisten im Flieger, als sie ihn nach der Sünde der Homosexualität fragten – dabei sind es doch die Päpste, die seit Jahrhunderten in angeblicher „Unfehlbarkeit“ ihr Urteil über alles und jeden fällen wollen.

Der Zeitungskiosk von Erzbischof Bergoglio [Quelle: privat]

Der Zeitungskiosk von Erzbischof Bergoglio

Nicht so Franziskus: „Eine Kurie, die keine Selbstkritik übt, ist ein kranker Leib“. Dieser Papst, der es sich schon als Erzbischof in Buenos Aires nicht nehmen ließ, mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren und sich seine Tageszeitung persönlich am Kiosk zu kaufen; dieser Papst, der die Slums von Südamerika gesehen hat; dieser Papst, der zur Beichte geht und seine Fehlbarkeit bekennt; dieser Papst, der an der Klagemauer einen Juden und einen Muslim umarmt und in Turin die Waldenser um Verzeihung für die Verfolgungen durch seine Vorgänger bat; dieser Papst, der sich dem römischen Protokoll verweigert und eine „Kirche für die Armen“ fordert; dieser Papst will und wird die Kirche verändern.

Franziskus führt die Kirche in ein neues Paradigma von Christentum, wie es der Tübinger Theologe Hans Küng beschrieb: wahrhaft universal, mit der Moderne, den Naturwissenschaften und der Demokratie versöhnt. Nahe am Menschen und fern von den Verlockungen der Macht. Das ist sein Traum.

Erzbischof Bergoglio in der Metro von Buenos Aires [Quelle: privat]

Erzbischof Bergoglio in der Metro von Buenos Aires

Selten gab es einen Papst, der einen so guten Draht zur kirchlichen „Basis“ hatte, der sich überhaupt dafür interessierte, was die Basis so denkt. Selten gab es einen Papst, der sich so sehr in die aktuelle Tagespolitik einmischte: sein Antrittsbesuch führte in nach Lampedusa, vor dem EU-Parlament mahnte er 2014, das Mittelmeer dürfe nicht zum Friedhof werden, ein Jahr schon bevor sich in Deutschland überhaupt jemand für das Schicksal der Flüchtlinge interessierte. Er schrieb eine Enzyklika „von der Sorge für das gemeinsame Haus“ (Laudato si) und bezeichnete den Kapitalismus als „eine Wirtschaft, die tötet“. Wenn der DAX um 10 % steige, stehe das in allen Zeitungen, aber wenn ein Jugendlicher aus den Slums von Rio de Janeiro ums Leben komme, interessiere das niemanden, sagte er einmal am Rande des Weltjugendtages in ebenjener Stadt. Seinen raffgierigen Kardinälen liest er die Leviten, und zeitweise überlegte er, die Vatikanbank zu schließen: „Petrus hatte keine Bank“.

Wird er Erfolg haben? Oder wird er irgendwann von einem seiner Kardinäle umgebracht, heimlich, still und leise? Als Papst Innozenz III. vom Heiligen Franz von Assisi träumte, genehmigte er die Gründung des Franziskanerordens, den er eigentlich verbieten wollte. Die Franziskaner gibt es heute noch.

Was meinst du: Ist Papst Franziskus ein Held – oder nicht? Lies hier die Gegenmeinung und stimme hier ab.

Bildnachweis:

Beitragsfoto: wikimedia.com/Public Domain

Kleine Bilder: privat

2 Kommentare

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  1. […] Interessanterweise erkennt man in Donald Trumps Erfolgsstory Ähnlichkeiten zum klassischen Helden-Narrativ, wenn man nur genauer hinschaut. Und man erkennt Ähnlichkeiten zu „umstrittenen Helden“, die in dieser Serie bereits porträtiert wurden. Papst Franziskus zum Beispiel. […]

  2. […] Mario Bergoglio, seines Zeichens als Papst Franziskus das 266. Oberhaupt der katholischen Kirche. Held oder Verbrecher? Am Ende entscheidet ihr: Pro oder Con, welchem Autor gebt ihr recht? Diskutiert […]

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