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Berge und Vulkane faszinieren uns Menschen seit eh und je. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrer Art, sondern sind auch geprägt von verschiedenen Geschichten, die uns sowohl eine wissenschaftliche als auch eine religions- und kulturgeschichtliche Perspektive auf sie eröffnen. Durch diese Perspektive erfahren wir Berge und Vulkane als Entstehungsorte für Bräuche, die bis heute standhalten oder als Wohnorte von Göttern, Geistern und Ahnen. 

Heutzutage kann die Entstehung der meisten Berge und Vulkane wissenschaftlich erklärt werden. Sie sind größtenteils eine Folge der Verschiebungen von kontinentalen und ozeanischen Platten. Trotzdem sind sie nicht vollständig erforscht und bergen somit noch viele Geheimnisse.

„Der Benbow ist ein Geist.“

Die Fotojournalistin und Dokumentarfilmerin Ulla Lohmann interessiert sich besonders für die Erforschung des Vulkans Benbow auf der Insel Ambrym in Vanuatu. In ihrem Buch „Ich mach das jetzt! Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde“ berichtet sie davon, wie sie es schafft auf die dritte Terrasse des Vulkans zu gelangen und welche Rolle neben ihren wissenschaftlichen Kenntnissen über Vulkane, die mythologischen Vorstellungen der Einheimischen spielen. So trifft sie beispielsweise auf ZakZak, den Hüter des Vulkans, der ihr erklärt: „Der Benbow ist ein Geist. Der Vulkan ist lebendig. Du musst ihn immer ehren und respektieren, wie einen Menschen.“

Gunung Agung Zentrum des Universums

Auf der Insel Bali gibt es ebenfalls Vulkane, die einen mythologischen Hintergrund haben. Laut der balinesischen Schöpfungsmythologie erschufen göttliche Wesen die Insel, indem sie die Schildkröte Bedawang in den Ozean setzten. Auf ihrem Rücken wuchsen Pflanzen, entstanden Flüsse und Seen, Berge und Täler. Die Götter verbannten Dämonen und böse Geister im tiefen Meer (Unterwelt). Sie selbst ließen sich in den Vulkanen und hohen Bergen nieder (himmlische Sphäre).

Der Vulkan Gunung Agung auf Bali in Indonesien

Der Vulkan Gunung Agung auf Bali in Indonesien, Foto: Stephanie Constantin

Der mit 3.142 Metern höchste Vulkan Balis namens Gunung Agung, übersetzt „Hoher Berg“, wird von den Einheimischen als Zentrum des Universums gesehen. Daher gilt er als besonders heilig. Am Hang des Gunung Agung befinden sich heilige Schreine und Tempel, an denen die Bewohner*innen die Götter und Geister der Ahnen verehren.

Im Jahr 1963 explodierte der Vulkan und zerstörte mit seiner austretenden Lava mehrere Dörfer. Bei der Katastrophe starben auch tausende Menschen. Dies passierte zu der Zeit als das sogenannte Eka Dasa Rudra Fest vorbereitetet wurde. Das Fest findet alle 100 Jahre statt und sorgt für die symbolische Reinigung des Universums. Viele Balines*innen vermuten, dass es falsch terminiert wurde und die Götter unzufrieden stimmte, woraufhin sie die Naturkatastrophe auslösten.

Wissenschaftler*innen hingegen sehen einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch des Vulkans und der Lage Balis. Die Insel befindet sich in einer geologisch instabilen Region, nämlich im Pazifischen Feuerring. Hier kollidiert die australische mit der eurasischen Kontinentalplatte und trägt damit zum aktiven Verhalten einiger Vulkane bei.

Der heilige Ort Ambondrombe

Etwas harmloser scheinen Berge zu sein und doch können auch sie Ehrfurcht im Menschen erwecken. Dazu gehört der Berg namens Ambondrombe, im Südosten der Insel Madagaskar liegend. Für die Einheimischen ist er ein heiliger Ort, der als Wohnstätte der Seelen königlicher Ahnen und Geister dient. Die Bewohner*innen des naheliegenden Dorfes Ambohimahamasina bezeichnen sich selbst als „Bewohner*innen der Geister“. Vor geraumer Zeit trauten sich die Madagass*innen nicht in die Nähe des Berges, da sie donnerähnliche Geräusche in seiner Umgebung wahrnahmen. G. A. Shaw, ein englischer Missionar des 19. Jahrhunderts, stellte bei der Besteigung des Berges fest, dass die Geräusche von einem Wind, der durch eine Engstelle des Berges zieht, erzeugt wird. Jedoch ist in der Nähe des Geräusches kein Luftzug spürbar. Aus diesem Grund bezeichnete Shaw den Wind als großen Geistererwecker. Für die Einheimischen sind diese Geräusche ein Zeichen dafür, dass die Ahnen und Geister nicht gestört werden möchten. Bei Tag und Nacht, so erzählen sie sich, kann man sogar Gestalten inmitten des Waldes des Ambondrombe erkennen. Wenn man sich ihnen nähert, verschwinden sie.

Der Brocken – Ort von Hexen und Brockengespenstern

Während der Glaube an mystische Gestalten auf Madagaskar oder Bali fester Bestandteil der Kultur ist, werden solche Vorstellungen in Deutschland kaum noch ernsthaft vertreten. Grund dafür könnte die Ablösung von ethnischen Religionen durch neuere religiöse Bewegungen, wie dem Christentum, sein und/oder der Einzug wissenschaftlicher Erklärungen für bestimmte Naturphänomene. Der Brocken, ein Berg im Mittelgebirge Harz in Deutschland, ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass sich Mythen verändern und trotzdem noch in dem ein oder anderen Brauch niederschlagen können.

Der Brocken im Mittelgebirge Harz in Deutschland

Der Brocken im Mittelgebirge Harz in Deutschland, Foto: Pixabay

Seit Jahrhunderten gilt der Brocken als Versammlungsort von Hexen und bösen Geistern. Er wird häufig auch als Blocksberg bezeichnet, was so viel wie Hexentanzplatz heißt. Auch außerhalb Deutschlands wird dieser Begriff zur Bezeichnung solcher Berge verwendet. Den mittelalterlichen Vorstellungen nach, fliegen die Hexen auf Gegenständen des alltäglichen Lebens wie Besen, Heugabeln und Hüten aber auch auf Tieren wie Ziegen, Wölfen und Katzen auf den Blocksberg. In der Walpurgisnacht ‒ heute auch „Tanz in den Mai“ genannt ‒ feiern sie ausgiebig. Der Name Walpurgisnacht lässt sich von der heiligen Walburga ableiten, die im Christentum als Schutzpatronin gesehen wird und die bösen Geister vertreiben soll. Der Brauch ist jedoch germanischen Ursprungs und geht damit weit in die vorchristliche Zeit zurück. Sie feierten in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai den Frühlingsbeginn ‒ verkleidet und um ein Feuer tanzend. Ihre Absicht war es die bösen Geister des Winters zu vertreiben.

Doch nicht nur in der Walpurgisnacht nahmen die Menschen ungewöhnliche Erscheinungen wahr. Bei aufkommendem Nebel und Sonnenuntergang, zeigte sich das Brockengespenst in Form eines riesigen Menschen am Horizont. Früher jagte es den Menschen Angst ein, nicht zuletzt, weil es sich bewegte. Heute ist es als Naturphänomen bekannt, das entsteht, wenn der Schatten des Beobachters auf eine Nebel- oder Wolkenwand trifft.

Brockengespenst

Brockengespenst, Foto: Pixabay

Mythologie oder Wissenschaft?

Was die aufgeführten Berge und Vulkane miteinander gemein haben ist, dass sie einen wichtigen Teil verschiedener Kulturen darstellen. Sie stehen oft im Zentrum religiöser Vorstellungen und spielen in den Mythen der umwohnenden Menschen eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig sind sie auch für Menschen von Interesse, die anhand der Berge und Vulkane versuchen Naturphänomene besser zu verstehen. Für Ulla Lohmann, die sich bei der Erforschung des Benbow auf seine Mythologie eingelassen hat, ohne jedoch die wissenschaftliche Perspektive auszublenden, ist klar: „Ein Vulkan ist nicht nur durch Mythologie, sondern auch durch Wissenschaft erklärbar.“

 

Quellen:

  • Dusik, Roland (2005): Bali. Java. Lombok. Ostfildern, DuMont Reiseverlag.
  • Graz, Karl (2017): Mythos Berg. Lexikon der weltweit bedeutendsten Berge. myMorawa von Moraga Lesezirkel GmbH.
  • Lohmann, Ulla (2017): Ich mach das jetzt! Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Wals bei Salzburg, Benevento Publishing.
  • http://www.vulkane.net/vulkane/agung/gunung-agung.html
  • https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/walpurgisnacht20160430/
10 Kommentare
  1. afauser
    afauser sagte:

    Ein sehr interessanter Beitrag. Man merkt, dass du dich wirklich ausführlich mit den verschiedenen Themen auseinandergesetzt und viel Recherche betrieben hast.

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  2. MarcelLe
    MarcelLe sagte:

    Ich finde das so krass, dass sich dieser starken Naturglaube (Vulkane = Göttersitz) noch heute erhalten hat. Wer hierzulande sowas sagt, den halten ja alle für verrückt. Cool, dass andere Kulturen da ein bisschen offener mit ihrem Erben umgehen.

    Der Artikel hat mich auch an diese Feen-Felsen in Island erinnert. Die zeigen, dass es nicht unmöglich ist, solche alten Traditionen auch noch in einer westlichen Gesellschaft zu leben.

    Antworten
    • Sahra
      Sahra sagte:

      Ich fühlte mich auch sofort an Island erinnert.

      Berge und felsige Landschaften können einfach eine unerklärliche Faszination auf Menschen ausüben, weshalb ich den Naturglauben irgendwie nachvollziehen kann. Ich selbst glaube zwar nicht, dass den Bergen etwas Göttliches immanent ist, muss aber zugeben, dass auch mir der Atem stockt, wenn ich vor solchen Naturgewalten stehe.

    • HumBoo
      HumBoo sagte:

      @ MarcelLe: Ja sehr spannend. Jeder sollte an das glauben, was einem selbst gut tut, ohne dafür belächelt oder gar für verrückt gehalten zu werden. Leider haben viele Menschen (oft aus dem Westen) einen stark eurozentrischen Blick auf den Glauben oder Rituale anderer Kulturen, anstatt sich dem Unbekannten zu öffnen.

      @ MarcelLe und Sahra: Stimmt in Island glauben viele Menschen an fabelhafte Wesen wie Feen, Trolle und Elfen. Sie werden als verstecktes Volk betrachtet.

  3. Corina S.
    Corina S. sagte:

    Auch Hierzulande gibt es noch Sagen über verschiedene Geister oder unmenschliche Gestalten die in oder um Berge leben. Eine Sage über den Ursulaberg bei Pfullingen besagt beispielsweise, dass in einer Grube am Fuß des Berges der Eingang zu einem Schloss im Berg sein soll. Die Gestalten aus dem Schloss kamen nachts in die umliegenden Dörfer und Städte und trieben sich zwischen den Bewohnern umher. Leider sind solche Geschichten kaum noch bekannt.

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    • HumBoo
      HumBoo sagte:

      Das klingt interessant! Pfullingen ist ja gleich um die Ecke. Ich hab von der Sage bisher noch nichts gehört aber werde mich mal schlau machen.

  4. Hui Buh
    Hui Buh sagte:

    Ich finde es sehr interessant, dass Geister in verschiedensten Kulturen ein Thema sind. In westlichen Kulturkreisen versucht man häufig diese Phänomene wissenschaftlich zu erklären und dadurch geht der mystische Aspekt leider etwas verloren.
    Häufig sind Orte, an denen Geister leben, heilig. Dies führt dazu, dass die Menschen eine gewisse Ehrfurcht vor der Natur entwickeln und diese auch versuchen zu schützen. Leider wird das häufig von anderen Menschen ignoriert. Das beste Beispiel ist wohl der Urulu in Australien. Für die Aborigines ist es ein heiliger Berg, der nicht bestiegen werden soll. Vielen Touristen ist das jedoch egal.

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    • HumBoo
      HumBoo sagte:

      Wahrscheinlich kann man sogar sagen, dass Geister in allen Kulturen eine Rolle spielen, was ich auch faszinierend finde.
      Ich habe auch den Eindruck, dass Menschen, die einen solchen Glauben haben, respektvoller mit der Natur umgehen.
      Zu dem Thema Uluru in Australien und Tourismus gibt es übrigens auch einen Blogeintrag, der dich bestimmt interessiert: „Ayers Rock – Berg der verlorenen Seelen“.

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  1. […] in der sozialen Organisation sowie in kosmologischen Vorstellungen in der Erinnerung der Ahnen. Denn in Indonesien ist der Glaube an Ahnen ebenfalls […]

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