Symbolbild Trichotillomanie

Trichotillomanie ist eine relativ unbekannte psychische Störung, bei der sich die Betroffenen Haare ausreißen. Was verbirgt sich genau dahinter? Was bedeutet die Krankheit für Betroffene? Und wie kann man damit umgehen?

„Sobald ich morgens aufstehe, schießen mir unzählige Gedankenblitze durch den Kopf und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Dann ist mir schon wieder alles zu viel. Um diese Gedanken zu beruhigen, geht meine Hand automatisch zum Kopf, sucht sich ein Haar und reißt es aus. Ich knabbere ein bisschen auf der Wurzel herum, meine Gedanken beruhigen sich wieder und die innere Anspannung sinkt wieder ab. Ohne es zu merken, werden aus einem Haar sechs, sieben, acht oder zehn Haare.“

Antonia Peters ist Leiterin der Infostelle Trichotillomanie und erzählt auf der Website auch ihre eigene Geschichte. Was sie beschreibt, ist typisch für Menschen mit Trichotillomanie. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich eine psychische Störung. Dabei können die Betroffenen dem Impuls, sich selbst Haare auszureißen, einfach nicht widerstehen. Da sie das Verhalten nicht kontrollieren können, ist die Folge sichtbarer Haarverlust, also zum Beispiel kahle Stellen auf dem Kopf. Deshalb wird Trichotillomanie im internationalen Klassifikationssystem für Krankheiten, dem ICD-10, als Störung der Impulskontrolle eingeordnet. In diese Kategorie fällt unter anderem auch die Kleptomanie, das zwanghafte Stehlen. Denn hier handeln Betroffene ebenfalls wiederholt, unkontrolliert und ohne vernünftige Motivation.

Auch wenn die meisten Menschen mit Trichotillomanie Kopfhaare ausreißen – beschränken lässt sich die Störung darauf keinesfalls. Einige rupfen Wimpern oder Augenbrauen aus, bei Männern ist es oft der Bart. Genauso können aber auch die Schamhaare oder andere Körperhaare ausgerissen werden. Werden die Haare nach dem Ausreißen gegessen, spricht man von Trichophagie. Da Haare unverdaulich sind, kann sich allerdings ein Haarknäuel im Magen bilden. In schweren Fällen erstreckt sich dieses Knäuel bis in den Darm. Das sogenannte Rapunzel-Syndrom hat ernsthafte Konsequenzen, die von Mangelerscheinungen bis zum Darmverschluss reichen können.

Die Scham ist oft das Schlimmste

Während solche schwerwiegenden physiologischen Folgen eher die Ausnahme sind, leiden Betroffene vor allem unter den sichtbaren Zeichen von Trichotillomanie. Viele versuchen, durch Frisuren, Mützen oder Perücken die Spuren ihrer Krankheit zu verdecken. Denn selbst wenn keine kahlen Stellen zurückbleiben, verändert sich durch das Ausreißen das Aussehen der Haare: Sie sind unterschiedlich lang, werden dünner, locken sich oder wachsen andersfarbig nach.

Obwohl sich mittlerweile einige wissenschaftliche Untersuchungen mit Trichotillomanie befassen, ist die Störung immer noch relativ unbekannt. Belastbare Zahlen über die Häufigkeit für Trichotillomanie gibt es deshalb kaum. Eine Studie schätzt die Lebenszeitprävalenz auf 0,6 Prozent; wie viele Betroffene es zum Beispiel aber in Deutschland tatsächlich gibt, ist nicht klar. Menschen mit Trichotillomanie haben dadurch oft das Gefühl, die einzigen zu sein. Das verstärkt die Scham, die sie sowieso verspüren, weiter. Antonia Peters beschreibt, dass sie sich immer mehr von anderen zurückgezogen habe, aus Angst, sie könnten hinter ihr Geheimnis kommen.

„Jahrelang versuchte ich, mein Verhalten zu verheimlichen, traute mich nicht mit Eltern, Freunden und Kollegen zu reden. Vielmehr verstrickte ich mich in Lügen über Hormonmangel und Tablettennebenwirkungen, um meine kahlen Stellen zu erklären. Frisöre wurden meine größten ‚Feinde‘.“

Stress kann ein Auslöser sein

Es ist nicht eindeutig geklärt, welche konkrete Ursache Trichotillomanie hat. Wie bei vielen psychischen Störungen ist die Entwicklung wahrscheinlich multifaktoriell bedingt. Das bedeutet, dass eine Kombination von genetischen und psychosozialen Faktoren eine Rolle spielt. Während die genetische Seite noch wenig erforscht ist, zeigt sich Stress als wichtiger Auslöser für das Haarereißen. Antonia Peters berichtet beispielsweise, dass sie mit elf Jahren zur Kur weggeschickt worden sei, wo sie sich einsam und abgeschoben fühlte. In Verbindung mit dem ersten Liebeskummer und dem Heimweh einer Mitschülerin habe sich eine äußerst stressige Situation ergeben, in der das Reißen beruhigte.

Schwierige Familiensituationen, Traumata oder konstanter Stress – viele Betroffene berichten von großen psychischen Belastungssituationen, in denen sie mit dem Reißen anfingen. Durch das Haareausreißen bauen sie Anspannung ab und haben so ein Weg gefunden, mit Stress umzugehen. Hat sich dieses Verhalten erst einmal automatisiert, muss allerdings nicht unbedingt eine belastende Situation vorliegen. Bei Antonia Peters resultierte der Ärger über das eigene Unvermögen, mit dem Reißen aufzuhören, in erneutem Reißen. So habe sich ein Teufelskreis ergeben.

Gemeinsam aus der Trichotillomanie

Einen Weg, mit der Krankheit umzugehen, fand Antonia Peters erst, als sie im Rahmen eines Forschungsprojektes eine Therapie machte. Daraufhin gründete sie eine Selbsthilfegruppe und übernahm die Leitung der Infostelle Trichotillomanie, wo sie seitdem ehrenamtlich Betroffene berät. Denn ohne Unterstützung ist es schwierig, die Trichotillomanie zu überwinden.

Vor diesem Hintergrund wurde 1999 auch die Seite trichotillomanie.de von Betroffenen für Betroffene ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei nach eigenen Angaben um die erste deutschsprachige Informationsplattform zu Trichotillomanie. Hier haben Betroffene die Möglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen und sich in einem Forum mit anderen auszutauschen. Außerdem werden Literaturhinweise, nützliche Links und ein FAQ mit den wichtigsten Informationen bereitgestellt. Schließlich werden verschiedene Therapieformen vorgestellt und Adressen von spezialisierten Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Friseuren gesammelt.

Was tun gegen das Haarereißen?

Wer versuchen will, auch ohne Therapie das Reißen einzudämmen, findet auf der Website einige hilfreiche Tipps. Zunächst wird die Selbstbeobachtung und Protokollierung vorgeschlagen, um sich das Reißverhalten bewusst zu machen und Auslöser zu erkennen. Dann kann der krankhafte Drang mit vier unterschiedlichen Ansätzen bekämpft werden:

  • Hände weg vom Kopf: Um die Hände vom Kopf fernzuhalten, können sie beispielsweise eingecremt oder anderweitig beschäftigt werden.
  • Spannung reduzieren: Anspannung kann durch das Rauslassen von Gefühlen abgebaut werden, zum Beispiel durch Aufschreiben oder Reden. Sport und Entspannungstechniken sind eine weitere Möglichkeit.
  • Stimulation: Beim Ausreißen von Haaren spielt auch die sensorische Ebene eine Rolle. Diese kann durch Ersatzhandlungen wie das Streichen über Zahnseide oder das Massieren der Kopfhaut angesprochen werden.
  • Belohnungen: Um die Motivation zu erhalten, kann ein Belohnungssystem helfen. Belohnungen können zum Beispiel in Form von Stickern für reißfreie Tage vergeben werden bis hin zu einem schönen Erlebnis am Ende der Woche.

Ein Leben mit Trichotillomanie ist nicht immer einfach, aber möglich. Wichtig ist, dass sich Betroffene Unterstützung suchen und auch nach Rückschlägen nicht aufgeben – wie Antonia Peters:

„Durch das immerwährende Üben, auch heute noch, hat sich meine Symptomatik bis zu 80 Prozent verbessert. Die Erkrankung spielt heute nur noch eine nebensächliche Rolle. Vielmehr lebe ich jetzt mein Leben in vollen Zügen, auch mit Trichotillomanie.“

 

 

Weitere Informationen zu Trichotillomanie

Telefonische Beratung für Betroffene, Angehörige und Interessierte bietet Antonia Peters unter 0402006139 an. Ihre  Sprechzeiten sind Mo & Di, 10-12 Uhr und Mo, 19-22 Uhr.

Infos in schriftlicher Form gibt es im Ratgeber „Trichotillomanie – Fragen und Antworten zum zwanghaften Haare ausreißen“, verfasst von Antonia Peters und erschienen im Pabst Verlag. Das Buch kann für 15€ im Buchhandel erworben werden.

Wer sich für das Thema interessiert, findet auch im Internet zum Beispiel auf den folgenden Seiten vielfältige Informationen dazu:

Informationen für Betroffene

Erfahrungsberichte und journalistische Artikel

Trichotillomanie aus wissenschaftlicher Perspektive

5 Kommentare
  1. Katharina
    Katharina sagte:

    Interessanter Beitrag! Ich wusste nicht, dass das eine diagnostizierbare psychische Störung ist. Ich musste beim Lesen an den Thriller „Cry Baby“ von Gillian Flynn denken. Die Mutter der Hauptfigur zupft sich, wenn sie unter Druck steht die Wimpern aus…

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  2. Luna
    Luna sagte:

    Das ist wirklich ein sehr interessantes Thema über das selten gesprochen wird. Traurig ist, wenn die Krankheit erst zu spät erkannt wird. Ich habe von einem Mädchen gelesen, das Beschwerden hatte, und dann haben Ärzte bei einer OP einen footballgroßen Haarklumpen aus ihrem Magen entfernt…

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  3. Angelina
    Angelina sagte:

    Ein komplexes Thema simpel erklärt! Danke dir! Ich finde solche Themen immer sehr spannend, nur meistens hab ich keine Zeit mich damit tiefgehend zubeschäftigen. Die länge des Beitrags ist optimal und so kann man auch zwischendurch interessante Infos bekommen.

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  1. […] die sich aus ihren Schmalzlocken Armbänder und Unterwäsche stricken. Und lernte, dass manche Trichotillomanie-Erkrankte ihre Haare essen. Ich wollte tiefer in diese Schattenwelt […]

  2. […] bei der sich Betroffene die Haare ausreißen. Mehr Informationen zu dieser Krankheit im Beitrag „Vom Drang, sich die Haare auszureißen“ von Anne […]

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